Ohne Gaskraftwerke ist der Ausstieg nicht zu schaffen

Wie viele Gaskombikraftwerke braucht die Schweiz nach dem Atomausstieg? Energieministerin Leuthard sprach kürzlich von «möglicherweise» einem. Eine Studie im Auftrag des Bundes sagt nun, es brauche mindestens deren drei –
oder entsprechende Stromimporte.

Luftaufnahme des Kraftwerks Chavalon, im Hintergrund der Genfersee.

Bildlegende: Wärmekraftwerk in Chavalon/VS: Es soll zu einem Gaskombikraftwerk umgebaut werden. Keystone

Von Gaskombikraftwerken als Ersatz für Atomkraftwerke spricht Energieministerin Doris Leuthard nicht gern. Gaskombikraftwerke – kurz GuD – sind CO2-Schleudern. Deshalb passen sie schlecht zur Klimapolitik des Bundesrates, die den Ausstoss von CO2 reduzieren will.

Bei der Präsentation der «Energiestrategie 2050» vorletzte Woche gab sich Leuthard deshalb zurückhaltend: Man könne «die Möglichkeit eines GuD nicht ausschliessen», sagte sie.

Studie geht von drei Kraftwerken aus

Die neue Studie der Firma Prognos im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BFE) spricht da eine ganz andere Sprache. Selbst im besten Fall, sagt Studienautorin Almut Kirchner, brauche es drei GuD. Allerdings würden diese nur im Winter laufen.

Sogar unter der Annahme, dass noch viel mehr Solaranlagen gebaut werden als vom Bundesrat angepeilt, wären drei GuD nötig: Prognos hat in einem Szenario erstmals mit dem Ausbau an Photovoltaik gerechnet, wie ihn der Fachverband für Sonnenenergie Swissolar für realistisch hält. Dieser strebt zwölf Terrawattstunden Solarenergie im Jahr 2025 an. Das ist fast 15 Mal mehr als heute.

Der Winter ist das Problem

Selbst bei diesem massiven Ausbau der Photovoltaik wären also mindestens drei Gaskraftwerke nötig. Weniger ambitionierte Szenarien kommen zum Schluss, dass es sogar vier oder sechs zusätzliche GuD brauchen würde – oder zusätzliche Stromimporte in gleichem Umfang.

Der Winter, sagt Expertin Kirchner, sei das grosse Problem. Zwar sei eine Prognose schwierig, wie viel Energie in der Schweiz am 20. Dezember 2035 um 20.00 Uhr gebraucht werden wird. Aber eines wisse sie ganz sicher: «Am 20. Dezember 2035 um 20.00 Uhr scheint die Sonne nicht!»

Der Strom, der im Winter fehlt, wäre dafür im Sommer im Überfluss vorhanden. Denn die Solaranlagen produzieren in der warmen Jahreszeit dannzumal viel zu viel Strom, wie die Expertin ausführt. Der überflüssige Sommerstrom könne aber nicht gespeichert werden, um ihn dann im Winter zu verbrauchen.

Solarstrom kann nicht exportiert werden

Je nach Szenario würden die Speicherkapazitäten im Sommer schon ab dem Jahr 2023 nicht mehr ausreichen. Und exportieren könne man diesen Strom auch nicht so einfach. Denn alle anderen Länder in Europa produzieren dann ebenfalls zu viel Solarstrom. «Alle haben das gleiche Problem», bilanziert Kirchner.

Weshalb aber liest man diese Zahlen in der Botschaft zur «Energiestrategie 2050» des Bundesrates nirgends? Der stellvertretende Direktor des BFE, Pascal Previdoli, verteidigt sich: Die Erkenntnisse der Prognos-Studie seien nicht neu. «Es war immer klar – und wurde so kommuniziert – dass die einheimischen erneuerbaren Energien die Stromnachfrage alleine nicht decken können.» Der Restbedarf müsse über Gaskraftwerke oder Importe gedeckt werden.

Die Technologie soll es richten

Bezüglich der fehlenden Speicherkapazitäten setzt Previdoli auf die Forschung. Sie soll in den nächsten Jahren neue Speichertechnologien entwickeln. Gleichzeitig schaffe der Bundesrat mit der «Energiestrategie 2050» bewusst Anreize, damit die Eigentümer von Solaranlagen vor allem dann Strom produzieren, wenn er gebraucht wird.

So oder so: Die Frage, wie viele Gaskraftwerke mit der «Energiestrategie 2050» nötig sein werden, dürfte politisch noch für Zündstoff sorgen.