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Schweiz Organisierte Massenbelästigungen – ein neues Phänomen?

Ganz Deutschland diskutiert nach den Ereignissen in Köln über sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. In der Schweiz hat man das in dieser Dimension noch nie erlebt. Aber auch hier gehen neuerdings Gruppen von Männern auf Frauen los.

Polizisten führen einen Mann ab.
Legende: Auch die Schweiz hat ein Problem mit Gewalt gegen Frauen – und dies nicht erst seit Silvester. Keystone

Zürich, Silversternacht: Feuerwerk, Alkohol, Menschenmassen. Und danach: Sechs Frauen melden der Polizei, dass sie bestohlen und dabei betatscht worden sind, meistens von Männern dunkler Hautfarbe, von Männern in Gruppen. Das klingt nach Köln, nach einem neuen Phänomen – auch wenn man Marco Cortesi von der Stadtpolizei Zürich zuhört: «In dieser Dimension, dass mehrere Leute mit der gleichen Absicht eine Person angehen, haben wir das bis jetzt nicht erlebt.»

Trotzdem ist Zürich nicht Köln. Einerseits wegen des Ausmasses der Angriffe: Es waren nur einige wenige Fälle, bestätigt sind erst zwei. Zudem habe es in Basel an Silvester keine einzige Anzeige gegeben. In Bern gab es eine, sagt die Polizei. Andererseits ist noch offen, ob in Zürich – wie mutmasslich in Köln – organisierte Banden am Werk waren.

Dennoch sagt Regula Schwager von Castagna, einer Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche: «Seit ungefähr einem Jahr hören wir von 14- bis 16-Jährigen immer wieder, dass sie im Ausgang, an einer Bushaltestelle oder sonst irgendwo im öffentlichen Raum Belästigungen ausgesetzt sind.»

Männer gehen «dreist und unverfroren» vor

Dies erinnert doch wiederum an Köln, auch wenn Schwager explizit über ein Phänomen unter Jugendlichen spricht. Denn oft seien es Gruppen, und nicht einzelne, die die Mädchen öffentlich teils massiv belästigten: «Meistens sind es männliche Jugendliche oder junge Erwachsene, die diese Mädchen sehr dreist und unverfroren sexuell belästigen.» Verbal, aber auch durch Berührungen am Po, an den Brüsten, zwischen den Beinen.

Dieses neue Phänomen der sexuellen Belästigung durch Gruppen in der Öffentlichkeit kommt nicht massenweise vor. Schwager hört von ungefähr 30 Fällen jährlich – ähnlich wie andere Beratungsstellen. Zum Vergleich: Seit langem gibt es in der Schweiz pro Jahr insgesamt etwa 600 Anzeigen wegen sexueller Belästigung.

Abwertung der Frauen in Internetpornos

Trotz der tiefen Zahlen gebe es aber Anlass zur Sorge, so Schwager: «Weil ich beunruhigenderweise immer wieder von Jugendlichen höre, das sei normal, wenn man im Ausgang angefasst werde.» Schuld daran sei wohl nicht zuletzt das Internet, oder genauer die Pornofilme voller Frauenverachtung, die dort in Mengen kursierten. «Mädchen werden miserabel behandelt, Frauen werden abgewertet. Diese Formen von Sexualität, die da gezeigt werden, prägen natürlich die Entwicklung von Jugendlichen, insbesondere ihre Sexualentwicklung.»

Dagegen helfe erstens Zivilcourage, sagt die Beraterin. Die Leute sollten bei Übergriffen nicht tatenlos zuschauen, sondern eingreifen. Und Opfer müssten in jedem Fall Anzeige erstatten. Zweitens helfe Bildung: Der Kampf gegen sexuelle Belästigung gehöre auch ins Klassenzimmer, so Schwager weiter. Nichts helfe es hingegen, Ausländer oder gar Flüchtlinge zu beschuldigen.

Kameraüberwachungsschild, in der Fensterscheibe die Reflexion des Kölner Doms.
Legende: Manche Mädchen denken, es sei «normal», wenn man im Ausgang angefasst wird. Keystone

Schwager kann nicht bestätigen, dass die Täter oft Ausländer seien. Und auch Salome Gloor vom Frauenhilfswerk Terre des Femmes will Ausländer auf keinen Fall zu Sündenböcken machen. In der Schweiz gebe es ohnehin viel sexuelle Belästigung, ganz unabhängig von den Ausländern: «Wir haben in der Schweiz definitiv ein Problem mit Gewalt. Wir haben ein Problem mit Gewalt gegen Frauen. Und wir haben ein Problem mit Sexismus.»

Bewusstsein schärfen vor Fasnachtssaison

Und nun? Sollen Frauen nicht mehr an Grossveranstaltungen gehen? Natürlich sollen sie das, sagen alle Befragten. Doch die Polizei wird nun auch in der Schweiz wachsamer sein. Das sagt Andreas Knuchel vom Justizdepartement Basel-Stadt kurz vor dem Beginn der Fasnachtssaison. «Wie wir genau darauf reagieren, können wir aus verständlichen Gründen nicht kommunizieren. Aber wir sind uns des Phänomens bewusst und werden ganz sicher ein Auge darauf haben.»

Möglicherweise verteilt die Polizei bald Flugblätter mit Warnungen in den Schweizer Städten – oder sie setzt während der Fasnacht mehr Leute ein. Damit das neue Phänomen der Belästigung durch Gruppen auf keinen Fall zunimmt.

88 Kommentare

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  • Kommentar von Martha Meier (Marhi)
    In Politik, Wirtschaft sowie auch in den Medien darf man Menschen die als ihr Leitbild beabsichtigen Andersdenkende zu töten, nicht tolerieren, nicht fördern, nicht entschuldigen und ihnen keinen glauben schenken. Jeder der das tut macht sich an den Menschen Schuldig, denen später die Kehlen durchgeschnitten werden.
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Man darf auch nicht tolerieren, dass man den Tod Andersdenkender oder -lebender in Kauf nimmt. Auch wenn wir uns das nicht als Leitbild zurechtgelegt haben, tun wir das aber seit langer Zeit. Widerspruch wird kleingeschrien, wie die persönliche Erfahrung aus den Achtzigern zeigt. Wer damals vor wirtschaftlichen Konzentrationsprozessen und deren sozialen Auswirkungen (ein Grund für die heutige Migration) gewarnt hat, wurde als "No-Future-Abklatsch" oder "Zukunftsverweigerer" klassifiziert.
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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Es hat lange gedauert aber langsam kommen doch Fakten durch. So hat ein Sprecher an der Pressekonferenz die bis dahin Verdächtigten nach Herkunft aufgeschlüsselt. Von nicht ganz 30 waren 2 Deutsche und 1 Amerikaner dabei. Ungefähr der ganze Rest hatte Nordafrikanische oder Nahöstliche Herkunft. Also mehr als das umgekehrte Verhältnis zur Bevölkerung. Mehr als die Hälfte hatte zudem Asylbewerber - Status. Jetzt kann es niemand mehr totschweigen.
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  • Kommentar von Anaj Miliv (Anaj Miliv)
    Glaubt man unseren Medien, dann sind Asylbewerber ganz liebe Menschen, welche nur in extremen Einzelfällen Probleme bereiten. Ganz anders klingt das in einem Offenen Brief, den der Paritätische Wohlfahrtsverband und drei weitere Organisationen veröffentlicht haben. Asylanten vergewaltigen Kinder und Frauen in der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung. Zunehmend wird auch von Zwangsprostitution berichtet. Es muss deutlich gesagt werden, dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle handelt.
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