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Pflegerinnen aus Osteuropa «Care-Migrantinnen» sollen fairere Bedingungen erhalten

Rund 30'000 Osteuropäerinnen arbeiten in Schweizer Haushalten. Zu teilweise miserablen Bedingungen. Das soll sich ändern.

Legende: Audio Moderne Sklaverei in der Betagtenpflege? abspielen. Laufzeit 05:10 Minuten.
05:10 min, aus Rendez-vous vom 21.06.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • In der Schweiz sind Schätzungen zufolge rund 30’000 sogenannte Care-Migrantinnen aus Osteuropa in Privathaushalten beschäftigt.
  • Würden die Frauen nicht über Personalagenturen beschäftigt, seien weder Lohn noch Ruhezeiten überprüfbar, kritisieren Gewerkschaften.
  • Der Bund erarbeitet derzeit einen nicht verbindlichen Musterarbeitsvertrag, der die Bedingungen in der 24-Stunden-Betreuung erstmals regelt.

Sie kochen, putzen und kaufen ein und verbringen mit den Betagten den Alltag: die Care-Migrantinnen aus Osteuropa. Ihre Arbeitsbedingungen werden immer wieder kritisiert, von moderner Sklaverei ist gar die Rede.

Oft sind weder Lohn noch Arbeitszeit überprüfbar

Sind die Pflegerinnen über ein Personalverleih-Unternehmen beschäftigt, sind Rahmenbedingungen wie Ruhezeiten zwar über den Gesamtarbeitsvertrag der Branche geregelt. Doch das reiche nicht, monieren die Gewerkschaften. Problematisch seien jene Privathaushalte, die ihre Angestellten ohne Personalagentur einstellen würden. Weder Lohn noch Ruhezeiten könnten so überprüft werden.

Wenn die Ruhezeit nicht geregelt wird, ist die Fehlerquote bei der Betreuung sehr hoch.
Autor: Maria HuberVPOD

Maria Huber, Regionalsekretärin der Gewerkschaft VPOD in St. Gallen, fordert deshalb für alle Care-Migrantinnen eine verbindliche Arbeitszeit-Regelung: «Wenn die Ruhezeit nicht geregelt wird, ist die Fehlerquote bei der Betreuung sehr hoch. Es können Unfälle passieren und Fehlentscheidungen gefällt werden.» Das habe auch Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den einzelnen Menschen.

Insbesondere wegen der hohen Präsenzzeiten sei die Arbeit der Care-Migrantinnen streng, bestätigt Personalvermittler Rainer Perprunner. «In der Zeit, in der sie hier arbeiten, sind sie die ganze Zeit in Rufbereitschaft. Es ist nötig, dass man seine Ruhezeiten bekommt.» Die Betreuerinnen müssten sich erholen können, niemand könne 24 Stunden am Tag arbeiten.

Bund erarbeitet nicht-verbindliche Verträge

Handlungsbedarf sieht nebst den Gewerkschaften nun auch der Bund. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco ist im Moment daran, einen Arbeitsvertrag aufzusetzen, der die Bedingungen in der 24-Stunden-Betreuung erstmals regelt. Verbindlich wird das Vertragswerk aber nicht sein, wie es auf Anfrage beim Staatssekretariat heisst.

Die Hubers und Andrea Aworwa: Ganz normales Zusammenleben

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«Wir schauen zusammen, was wir im Kühlschrank haben. Sagen Sie mir, was sie essen möchten», sagt die Slowakin Andrea Awrowa. So klingt der Alltag beim Ehepaar Huber in Sargans wenn die Betreuerin das Abendmenü bespricht. «Ich nehme ein Hafermus und für Rudolf gibt es Café complet», sagt Ludmilla Huber.

Die Pflegerin packt seit kurzem bei Hubers an. Ohne diese Rundumbetreuung müssten die 83-Jährige und ihr Mann ins Pflegeheim. «Ich habe Rheuma, ein amputiertes Bein und Altersleukämie. Auch mein Mann hat viele Beschwerden, er hatte vor zwei Jahren eine Operation», erklärt die Seniorin im Rollstuhl.

Zunächst sei es ungewohnt gewesen, eine fremde Person rund um die Uhr im Haus zu wissen. Doch die Betreuerin gebe ihnen Sicherheit, besonders in der Nacht. «Wenn mein Mann nicht aufstehen kann, kann ich ihm gar nicht helfen. Ich komme nicht alleine aus dem Bett», sagt Ludmilla Huber.

Jeweils drei Wochen Ferien

Auch die gelernte Pflegerin aus der Slowakei ist mit ihrem Arbeitsort zufrieden. Seit sechs Jahren arbeitet sie in Privathaushalten. Die Stelle in Sargans teilt sie sich mit einer Kollegin. So ist sie während drei Wochen bei Familie Huber, dann für drei Wochen in der Slowakei. «Das sind die Vorteile dieser Arbeit. Ich habe jeweils drei Wochen Ferien in der Slowakei.»

Die Hubers beschäftigen Awrowa über das Personalverleih-Unternehmen von Rainer Perprunner. Dieses garantiert ihr die vom Gesamtarbeitsvertrag der Branche vorgegebenen Arbeitsbedingungen.

Die Kantone werden selbst entscheiden können, ob sie den Vorschlag des Bundes umsetzen. Die politische Diskussion wird darum weitergehen. Voraussichtlich im Herbst berät der Nationalrat über eine parlamentarische Initiative. Diese will die Arbeitsbedingungen für Pflege-Migrantinnen per Gesetz regeln.

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75 Kommentare

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  • Kommentar von Daniele Röthenmund (Daniele Röthenmund)
    Ich habe für mich wenn es soweit ist Vorgesorgt, ich werde mir 2 Betreuerinnen suchen sie Ordnungsgemäs anmelden und jede wird 5 mal 12 Stunden mich pro Woche betreuen für einen anständigen Lohn, 2 Tage gehe ich in eine Tagesklinik, die Nacht werden die beiden Betreuerinnen dann abwechselnd die Nacht bei mir verbringen so bin ich in meinen vier Wänden, die Betreuerinnen werden besser bezahlt und kommt auch mir günstiger! Ich hoffe nie oder so spät wie möglich in diese Situation komme!
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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Oder anders ausgedrueckt.. geht mal dorthin woher sie kommen ... die Pflegenden und Haushalthilfen..... und was sie dort haben.. und warum sie in die Schweiz kommen, kommen muessen... Ihr Selbstgerechten, geht mal dorthin wo das wirkliche Elend ist, nicht hier wo es um "nuancen" des Luxus geht... Luxus notabene aus Sicht der Minderprivilegierten... iR werden sie nicht ausgenutzt, man vermag einfach nicht, mehr zu bezahlen.. also lasst ihnen die Arbeit! Und das Einkommen!
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  • Kommentar von A. Zuckermann (azu)
    Lustig! Wen man die Kommentare zu diesem Thema liest fällt auf: Kein jammern über die PFZ… Ob es passt oder nicht, die Wahrheit ist: Ohne Migration, kein Wohlstand im Alter.
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    1. Antwort von Jürg Häusermann (Ebenda)
      Das können wir genau so gut über Kontingente steuern
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    2. Antwort von B. Lobermann (lobermann)
      Wer eine andere Meinung hat, als ihre liebe Grüne Partei jammert nicht automatisch. Man hat einfach eine andere Meinung. Und was hat das damit zu tun? Bitte aufzeigen wer jemals wollte, dass es durch die PFZ gar keine Zuwanderung gibt. Zudem ist der Familiennachzug etc. das Problem. Was sagen Sie denn zu den Versprechungen der Befürworter der PFZ, dass es solches Ausnutzen von ArbeiterInnen nicht geben würde?
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