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Schweiz Pöschwies-Direktor: «Wir verwöhnen die Gefangenen nicht»

Nur wenige verlassen eine Strafanstalt mit Wehmut. Doch Ueli Graf geht nicht gerne.15 Jahre lang war er Direktor von Pöschwies. Nun wird er pensioniert. Das Thema Strafvollzug wird ihn weiter beschäftigen.

Ueli Graf, der scheidende Direktor von Pöschwies.
Legende: Ueli Graf, der scheidende Direktor von Pöschwies in einer Aufnahme von 2008. Keystone

Über 400 straffällige Männer leben in der Strafanstalt Pöschwies. Sie verbringen jeweils rund drei Jahr im Gefängnis. Fast niemand bleibt so lange wie Ueli Graf und schon gar nicht freiwillig. 15 Jahre lang amtete er als Direktor von Pöschwies. Im «Tagesgespräch» von Radio SRF blickte er auf die Zeit zurück.

Ueli Graf war ein humaner Umgang mit den Gefangenen stets wichtig. Auch im täglichen Umgang. Es gebe Menschen, die schlimme, zum Teil unbeschreibliche Taten begangen haben. «Da wird einem schlecht.» Hier müsse man unterschieden können. «Hier ist die Tat, dort ist der Mensch.»

Unsere Gesellschaft  gehe davon aus, dass die Haft eine Wiedergutmachung der Tat sei. Dieses «Konstrukt» sie nötig, damit man auch mit diesen Gefangenen  respektvoll und korrekt umgehen könne, so Graf. Dennoch unterstreicht er, dass die Gefangenen nicht verwöhnt würden.

Fall Brumann als Wendepunkt

Ueli Graf trat seine Arbeit als Direktor von Pöschwies im Jahr 1997 an. Keine leichte Zeit. Denn der Strafvollzug und speziell die Anstalt Pöschwies standen damals unter dem Schock des Mordfalls vom Zollikerberg. 1993 hatte ein Insasse auf Hafturlaub die Pfadiführerin Pacal Brumann ermordet.

Der Fall habe einschneidende Auswirkungen auf den Strafvollzug in der gesamten Schweiz gehabt, sagt Graf. Heute lege man alles auf Sicherheit aus, heute entscheide man eher gegen den Täter. In der Bevölkerung sei allerdings eine Vorstellung vom Strafvollzug verbreitet, die sich so in den Gesetzen nicht finden lasse. Vertrete man das moderne Strafgesetz, werde man oft als Gutmensch hingestellt. «Aber ich kann ja nichts anderes tun, als was in den Gesetzen steht. Nämlich die Leute korrekt behandeln, wie es unserem liberalen Rechtsstaat gebührt.»

Konsequenz ist wichtig

Die lange Zeit als Anstaltsdirektor hat Ueli Graf verändert. Das sagt er auch selber. Grundsätzlich sei zwar sein Menschenbild dasselbe geblieben. Aber nach seiner Ausbildung glaubte Graf noch daran, dass man aus schlechten Menschen wieder gute machen könne. «Das musste ich mir im Strafvollzug definitiv abschminken.»  Er sei auch teilweise mit einer etwas naiven Einstellung eingestiegen, sagt Graf heute. 

Ausserdem habe er auch Lehrgeld zahlen müssen. So etwa in Sachen Konsequenz: «Sie müssen im Umgang mit Gefangenen eine gewisse Härte an den Tag legen. Ja ist ja und nein ist nein.»

 Neue Konzepte für Verwahrte

Seine Arbeit in der Strafanstalt beendet Ueli Graf mit gemischten Gefühlen. Auch Wehmut gehört dazu. Doch das Thema Strafvollzug lässt ihn nicht ganz los. Er hat den Auftrag, ein Konzept für die Unterbringung von alten Gefangenen auszuarbeiten. Quasi ein eingezäuntes Altersheim Verwahrte, die nie mehr in die Freiheit entlassen werden können. Seine ersten Ideen richten sich auch bei dieser Aufgabe nach seinem Grundsatz: Keine Kuscheljustiz, aber die korrekte Umsetzung der Menschenrechte auch im Umgang mit schlimmen Verbrechern.

5 Kommentare

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  • Kommentar von openyoureyes, BASEL
    Ich habe das Interview gestern gehört und mir wurde so einiges klar. Der Wunsch vieler Schweizer nach härteren Strafen wie kein TV, Isolationshaft und was auch immer an Sanktionen, ist 1. gar nicht zulässig und 2. bringt es auch nichts. Man sieht das an Ländern die Arbeitslager oder die Todesstrafe haben: die Gewaltrate ist dort um keinen Deut geringer! Einen Kuschelknast gibt es gar nicht. Schon alleine die Tatsache über mehrere Jahre weggesperrt zu sein, ist eine Strafe! Gut gemacht Hr.G...
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  • Kommentar von Fritz Frei, Buriram
    Was kaum je angesprochen wird, ist die grosse Macht der psychiatrischen Sachverständigen, die mit total unwissenschaftlichen Grundlagen arbeiten. Sowohl Freuds als auch Jungs und v.a. Medard Boss' psychiatrische Vorstellungen entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage und sind nachweislich nicht wirksam. Und diese Leute sind schuld an Katastrophen wie dem Tod von Pascale (ja, mit einem e am Ende, schliesslich war sie eine Frau!) Brumann.
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  • Kommentar von Urs Dupont, Küsnacht
    Alles ist relativ. Es gibt sicher nur sehr wenige (wenn überhaupt) Länder, wo Strafgefangene ähnlich komfortabel leben können wie in der Schweiz und wo so extrem viel Steuergelder dafür ausgegeben werden. Kommt dazu, dass im Strafvollzug Ausländer massiv überproportional vertreten sind. Kaum ein Ausländer würde deshalb freiwillig einwilligen, die Strafe in seinem Heimatland abzusitzen. Wer nicht wahrhaben will, dass wir eine Kuscheljustiz haben, sollte sich mal in anderen Ländern umseh...
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    1. Antwort von Fritz Frei, Buriram
      Das kann ich nicht nachvollziehen. Wenn schon, haben wir "Kuschel"-Gesetze. Im Ausland ist es doch einfach so, dass kriminell Veranlagte entweder als Insassen oder als Aufseher im Knast landen. Das ist auch ein Grund, warum Drogen, Erpressung und Mord in ausländischen Gefängnissen an der Tagesordnung sind.
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    2. Antwort von openyoureyes, Basel
      Wir müssen menschlich bleiben! Im Ausland gibt es trotz härterer Strafen mehr Gewalt und Rückfälle. Das spricht gegen einen KZ-Knast! Das wir aber alle straffälligen Ausländer durchfüttern sollen, ist ein anderes Thema. Da gäbe es sehr wohl andere Möglichkeiten, z.B. sofortige Ausschaffung bei Gewalttaten usw. Das spricht sich rum und es kommen weniger Kriminaltouristen. Kuscheljustiz haben wir eher weniger. Konzeptlose, blauäugige Politiker jedoch um so mehr!
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