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Problem Genitalverstümmelung «Tausende Mädchen in der Schweiz gefährdet»

Trotz Verbot werden Mädchen beschnitten. Bloss – noch nie sei ein Fall vor Gericht gebracht worden, so die Caritas.

Legende: Audio «Wegen der Migration ist das Thema wichtiger geworden» abspielen. Laufzeit 06:43 Minuten.
06:43 min, aus SRF 4 News aktuell vom 06.02.2018.

Heute ist der internationale Tag der Nulltoleranz gegen weibliche Genitalverstümmelung. Diese ist in der Schweiz seit 2012 unter Strafandrohung verboten.

Für Nadia Bisang, Projektverantwortliche bei der Caritas, ist klar: Tausende Mädchen sind von der Genitalbeschneidung in der Schweiz bedroht – auch wenn es bislang zu keiner einzigen Anklage gekommen ist.

SRF News: Wie verbreitet ist die Genitalbeschneidung von Frauen in der Schweiz?

Nadia Bisang: Wir gehen von 15'000 Mädchen und Frauen aus, die in der Schweiz für Genitalbeschneidung gefährdet oder davon betroffen sind. Zahlen zu tatsächlichen Beschneidungen gibt es keine. Es ist auch keine einzige Anzeige deswegen eingegangen, seitdem der Strafartikel 124 vor sechs Jahren in Kraft getreten ist. Doch es gibt immer wieder Verdachtsfälle, dass eine Genitalbeschneidung bevorsteht oder dass kleine Mädchen beschnitten wurden.

Wer nimmt die Mädchenbeschneidungen hierzulande vor?

Es kann sein, dass Wanderbeschneiderinnen in die Schweiz kommen, um Beschneidungen an kleinen Mädchen vorzunehmen. Andere Eltern lassen eine Beschneidung in ihren Herkunftsländern vornehmen, etwa in den Ferien. Auch werden Beschneidungen teilweise in den Nachbarländern der Schweiz vorgenommen.

Wer sind die Wanderbeschneiderinnen?

Das können Familienmitglieder sein, es kann auch ein Arzt, eine Ärztin oder eine Hebamme aus dem Herkunftsland sein.

Manche Fachpersonen sind mit dem Thema überfordert und vermeiden es, mit den Betroffenen darüber zu sprechen.

Wie gehen Ärzte in Schweizer Spitälern mit dem Problem um, wenn sie eine Genitalverstümmelung etwa bei einer Geburt feststellen?

Normalerweise wird dies schon bei der Geburtsvorbereitung angesprochen. Gewisse Fachpersonen sind mit dem Thema allerdings überfordert und vermeiden es, darüber mit den Betroffenen zu sprechen. Dann kommt es oftmals zu schwierigen Situationen.

Werden solche Fälle von weiblicher Genitalverstümmelung den Behörden gemeldet?

Das medizinische Personal untersteht dem Arztgeheimnis und hat entsprechend keine Meldepflicht. Es muss sich vom Arztgeheimnis entbinden lassen, um solche Fälle zu melden. Die Melderechte und -pflichten sind kantonal allerdings unterschiedlich geregelt.

Genitalverstümmelung ist verboten und ein Offizialdelikt. Trotzdem hat es seit Einführung des Gesetzes 2012 keine einzige Anklage gegeben. Ist das Gesetz sinnlos?

Man darf die präventive Wirkung des Gesetzes nicht unterschätzen. So erleben wir in der Arbeit mit den Vereinigungen von Migrantinnen immer wieder, dass das Gesetz als Schutz vor Genitalverstümmelung wahrgenommen wird. Auch standen Migranten-Organisationen hinter der Einführung dieses Gesetzesartikels. Sie können so auch dem Druck aus den Herkunftsfamilien, eine Genitalbeschneidung bei einem Mädchen vorzunehmen, standhalten.

Das Gesetz allein reicht nicht. Es braucht eine Sensibilisierung durch Fachpersonen, damit die Mädchen geschützt werden können.

Dank dem Verbot argumentieren die Migranten, dass sie allenfalls ausgewiesen werden könnten, wenn sie dagegen verstossen. Dann würden sie auch kein Geld mehr heimschicken können. Trotzdem reicht das Gesetz allein nicht. Es braucht die Arbeit in den Communitys und die Sensibilisierung durch Fachpersonen damit die Mädchen geschützt werden können.

Symbolbild: Mädchen mit weissem Schleier und blauem Kleid, das Gesicht ist nicht erkennbar.
Legende: In der Schweiz sind schätzungsweise 15'000 Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung bedroht. Keystone

Trotz der Arbeit der Caritas in den Communitys sind 15'000 Mädchen von Genitalverstümmelung bedroht. Machen Sie etwas falsch?

Wir sind seit vielen Jahren in diesem Bereich tätig. In dieser Zeit hat in den älteren Generationen der Migrantinnen und Migranten eine Veränderung stattgefunden. Die schon länger in der Schweiz lebenden Migranten distanzieren sich zunehmend von dieser Praxis. Es kommen aber immer wieder neue Generationen von Migranten in die Schweiz, welche die Mädchenbeschneidung als normal ansehen. Hier braucht es viel und stetige Arbeit, um eine Änderung der Einstellung dazu zu bewirken.

Hat sich die Situation betreffend der Genitalverstümmelung in der Schweiz in den letzten Jahren verbessert oder verschlechtert?

Das ist schwierig zu sagen. Die internationalen Zahlen zeigen, dass die Beschneidungsraten zurückgehen. Gerade in Ländern, wo der Eingriff früher besonders häufig war, gehen sie besonders stark zurück. In der Schweiz allerdings ist das Thema wegen der Migration in den vergangenen Jahrzehnten wichtiger geworden.

Das Gespräch führte Raphaël Günther.

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Maedchen sllten per Gesetz regelmaessig 2-3 mal pro Jahr kontrolliert werden, Ausreise bis Volljaehrigkeit verboten... Muetter muendlich und schriftich gewarnt, benfalls mehrmals.. ansonst wird sich nichts aendern.. (Mutter denkt, warum soll das Kind wenn ich nicht durfte...)
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Ich hätte mich als Mädchen geweigert 3 mal pro Jahr Zwangsuntersucht zu werden, insbesondere an solch intimen Stellen. Das kommt einer Vergewaltigung nahe!
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  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Habe soeben bei Google nach den Worten "Beschneidung Tod" gesucht. Bei den Resultaten auf der ersten Seite ging es nur bei den letzten zwei um Mädchen, alle anderen betrafen Jungen. Von daher ist es mir unverständlich wie sich alle (zurecht) über Beschneidung von Mädchen empören und gleichzeitig jene von Jungen ignorieren oder normal finden.
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    1. Antwort von Franz NANNI (igwena ndlovu)
      Nun, bei Maedchen wird das primaere Lustorgan, die Clitorisspitze, entfernt und manchmal mehr .. also auch die Seitliche, man nimt ihnen also die "Gottgegebene" Eigenschaft, Lust zu erleben... Bei den Knaben wird die Vorhaut entfernt, was an und fue sich nicht schlecht ist, da Viruskrankheiten nicht mehr an Frauen vermittelt werden koenen und auch die Hygiene besser ist wie auch eine Verbesserung gegen HIV
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    2. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @Franz: Die Vorhaut enthält 90% der Nervenenden und dass das Entfernen dieser besser für die Hygiene sei oder irgendeine Ansteckungsgefahr verringere sind hartnäckige Gerüchte die bisher keiner sachlichen Prüfung standgehalten haben. Ausser dem stört es mich wenn man das Eine gegen das Andere auszuspielen versucht... Genau das ist doch mein Punkt man sollte gegen JEDE mutwillige Körperverletzung besonders von Kindern vorgehen nicht nur gegen die die das «richtige» Geschlecht treffen.
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    3. Antwort von Franz NANNI (igwena ndlovu)
      @ D.Fuchs Humanes Papilloma-Virus ... kann am Muttermund (cervix) Krebs ausloesen und wird von Maennern uebertragen .... Hygiene.. fragen Sie einen Arzt.. der wird Ihnen von "Kaese" erzaehlen!!! und HIV dasselbe.. Keine Geruechte, klar definierte Zustaende und bewiesen!
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    4. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @Franz: Dann würde ich doch gerne diese Beweise sehen und nicht nur die Behauptung es gäbe diese ... Ich für meinen Teil habe bisher jedenfalls auch mit meiner (übrigens auch gottgegebenen) Vorhaut überlebt.
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    5. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      @Nanni - Die Beschneidung handlungsunfaehiger Knaben ist und bleibt - wie noch dem Gesetz statt der Politik verpflichtete Deutsche Richter unmissverstaendlich festgestellt haben - grundsaetzlich eine Koerperverletzung. In Deutschland wurde "traditions"gemaess das Gesetz nachgeboesert. In der Schweiz futieren sich die Staatsanwaelte um ihre Verfolgungspflicht gegen tatbeteiligte Obhutsinhaber ebenso wie um ermordete Spaet"abtreibungs"opfer, die lebendig aus der Scheide schluepfen und nicht gerett
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    6. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ Nanni: Das mit dem Beschneiden und den Viruserkrankungen insbesondere HIV ist ein sehr gefährliches Märchen! Die Uebertragung von Viren und anderen Krankheitserregern ist mit oder ohne Vorhaut möglich. Die Hygiene wiederum hat jeder Mann selber in der Hand. Auch beschnittene Männer können Filzläuse verbreiten.
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    7. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      Hi HP, endlich haben wir ein Thema gefunden wo wir einer Meinung sind, Ich kann jedem Ihrer Kommentare zu diesem Artikel zustimmen. Das freut mich.
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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Beschneidung hat nichts mit Glauben zu tun, sondern mit Traditionen. In jenen Gebieten, wo sehr viele Mädchen beschnitten werden, findet das auch in christlichen Familien statt. Gegen schlechte Traditionen hilft das Gesetz mit Androhung von Strafen. Aber vorallem hilft Aufklärung. Hier sind Kinderärztinnen, Lehrpersonen und Gynaekologinnen gefordert. Ein Grund mehr, warum die frühe Aufklärung auch in der Schule so zentral ist und nicht wegen Plüschvaginas gestoppt werden sollte.
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    1. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Es sind nicht Gynäkologinnen, Kinderärztinnen oder Lehrerinnen, die die Beschneidungen vornehmen, sondern es sind Schamaninnen aus der Sippe.
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    2. Antwort von Franz NANNI (igwena ndlovu)
      Es haengt damit zusammen dass Frauen absolut untergeordnet sind (dem Manne) und Mangels Lust auch kaum fremd gehen! Alles seit Langem als Tradition gemacht aber eben mal so kalkuliert!
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    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ mitulla, es geht nicht darum wer die Beschneidung vornimmt, sondern wer sein Kind beschneiden lässt! Das sind primär die Eltern oder enge Verwandte und wenn die aufgeklärt sind werden sie weniger jemanden kommen lassen. Und Mädchen die Aufgeklärt sind wenden sich eher an eine Vertrauensperson ausserhalb der Familie, wenn eine Beschneidung droht oder stattgefunden hat.
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