Rauchen im Knast: «Generelles Verbot ist kein Thema»

Ab kommendem Jahr gilt in englischen Gefängnissen ein generelles Rauchverbot. Ein Modell für die Schweiz? Wir haben einen Schweizer Gefängnisdirektor und einen ehemaligen Häftling gefragt.

Ein Aschenbecher mit vielen Zigarettenstummeln.

Bildlegende: In England können in den Gefängnissen die Aschenbecher 2016 entsorgt werden. Keystone

England hat viel erfunden: die Dampflokomotive, das Sandwich und den Fussball. Beim Tabakrauchen waren sie zumindest in Europa die ersten. Im Jahr 1586 war das. 430 Jahre später wird es wieder verboten. Und zwar für Häftlinge in Wales und vier englischen Haftanstalten. Später soll das Verbot auch für die anderen Gefängnisse im Land gelten.

Der Hintergrund dieser Massnahme ist der enorm hohe Anteil an Rauchern in englischen Gefängnissen. Nach amtlichen Angaben sind 80 Prozent der Häftlinge in britischen Gefängnissen Raucher. Damit es keine Aufstände gibt, geht die Regierung neue Wege: Die Raucher kriegen elektronische Zigaretten und werden beim Entzug unterstützt.

Randale in Australien

Doch die Gefahr vor einer Revolte ist real. Im australischen Melbourne kam es Ende Juli in einem Gefängnis zu heftigen Randalen. 300 Häftlinge protestierten gegen die Verfügung des Bundesstaats Victoria, keine Zigaretten für Insassen mehr zuzulassen.

Ein Zigarettenverbot kann also Aggressionen auslösen. Das ist nicht unbedingt eine neue Erkenntnis, und sicher nicht für Peter Zimmermann. Der 75-Jährige hat 30 Jahre lang im Gefängnis gesessen, die Hälfte davon als Verwahrter.

Seit 2002 ist er ein freier Mann. Der ehemalige Häftling weist auf eine andere Gefahr hin: «Ich vermute, dass die Zahl der Beschwerden explodieren wird. Mit einem Tabakverbot fördert man in Gefängnissen zudem nur den Schmuggel.»

Zimmermann, der heute die Organisation «Reform 91» leitet, kommen Erinnerungen auf: «Mich erinnert das an meine erste Haftzeit im Jahr 1960. Damals erhielten wir pro Woche zwei Tabak-Päckchen à 40 Gramm. Mit den Nichtrauchern wurde dann gemischelt. Die haben dann Schokolade für ihren Tabak bekommen.»

Die mächtigen Gefängnisdirektoren

Wie ist die Situation in der Schweiz – dürfen die Gefängnisdirektoren den Häftlingen die Zigaretten abnehmen? «Ja», sagt Catherine Cossy, Mediensprecherin des Bundesamts für Gesundheit (BAG). «Ein Gefängnisdirektor kann das Rauchen im ganzen Gebäude verbieten.»

Marcel Ruf, Direktor der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, hält allerdings wenig von einem generellen Rauchverbot. Er kenne auch keinen anderen Gefängnisdirektor in der Schweiz, so Ruf, der das Rauchen absolut verbiete. Im Gespräch findet er klare Worte:

SRF News: Herr Ruf, in Grossbritannien soll ab 2016 ein Rauchverbot bei den Gefangenen gelten. Die Raucher erhalten elektronische Zigaretten. Wie beurteilen Sie das?

Marcel Ruf sitzt in einem Aufnahmestudie des Schweizer Radios. Vor ihm das Aufnahmegerät.

Bildlegende: Marcel Ruf ist Direktor der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. SRF

Marcel Ruf: Schwierig zu sagen, was das auslöst. Für mich stellt sich aber die Frage, wie die Gefangenen auf die elektronischen Zigaretten reagieren werden. Die Kosten dürfen auch nicht vernachlässigt werden. Die Gefangenen haben ihre normalen Zigaretten früher selber gekauft, jetzt werden ihnen elektronische abgegeben, die teuer im Ankauf und Unterhalt sind.

Darf man in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg eigentlich rauchen?

Ja, aber nur eingeschränkt. Die Gefangenen dürfen in ihren Zellen rauchen und im Freihof. Das Rauchen in den Werkstätten oder anderen Räumen ist untersagt.

In England sollen 80 Prozent der Insassen rauchen. Das ist erschreckend hoch!

Bei uns in Lenzburg sind es nach einer jüngsten Umfrage knapp 50 Prozent. Auch insofern ist ein generelles Rauchverbot kein Thema bei uns.

In den amerikanischen Filmen sieht man immer wieder, wie die Zigaretten als Zweitwährung dienen. Ist das auch in Lenzburg so?

Nein! Das ist ein Klischee. Unsere Häftlinge gehen einer Arbeit nach, machen mindestens einmal in der Woche eine sportliche Betätigung. Da werden keine Zigaretten gegen eine Feile ausgetauscht!

Im Gefängnis gegründet

Die Selbsthilfeorganisation «Reform 91» setzt sich für Strafgefangene und Ausgegrenzte ein. Die Organisation wurde 1990 von sieben Inhaftierten gegründet. Und zwar in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • In England soll in Gefängnissen ein Rauchverbot eingeführt werden.

    Englische Gefängnisse werden vom blauen Dunst befreit

    Aus Rendez-vous vom 1.10.2015

    In England ist es hart, Raucher oder Raucherin zu sein. Überall ist das Rauchen verboten: Am Arbeitsplatz, in Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln, Restaurants oder Pubs. Und bald auch in Gefängnissen, wo 80 Prozent der Gefangenen rauchen. Rauch-Entzug hinter Gittern. Eine Glosse.

    Martin Alioth