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Realität bei Sexualstraftaten Wenige Anzeigen und kaum Verurteilungen

Unter dem Hashtag #MeToo werden Erfahrungen mit sexueller Gewalt ausgetauscht. Es werden aber nur wenige Täter verurteilt.

Legende: Video Weniger als 20 Prozent der Opfer erstatten Anzeige abspielen. Laufzeit 04:36 Minuten.
Aus 10vor10 vom 20.10.2017.

Sexuelle Gewalt hat viele Gesichter: ein anzüglicher Spruch, ein aufgezwungener Kuss, ein Po-Grapscher bis hin zur Vergewaltigung. Strafbar ist grundsätzlich jede dieser Handlungen, «sofern ein klarer sexueller Bezug besteht und die betroffene Person das nicht will», erklärt Rechtsanwältin Elena Lanfranconi. Sie vertritt oft Opfer von sexueller Gewalt. Befragungen zeigen jedoch: In der Schweiz erstatten weniger als 20 Prozent der Opfer sexueller Gewalt Anzeige.

Auch Elena Lanfranconi gibt zu, dass sie hin und wieder Klientinnen von einer Anzeige abrät: «Vor allem dann, wenn ich merke, dass ein Sexualdelikt zu einer starken Traumatisierung geführt hat und die Konfrontation mit diesem Delikt im Strafverfahren zu einer erneuten Traumatisierung führen würde.» In einem Gerichtsverfahren muss sich das Opfer nämlich mehrfachen stundenlangen und detaillierten Befragungen stellen.

Entscheidend ist die erste Einvernahme

Nicht nur, dass Sexualdelikte selten angezeigt werden – es kommt auch sehr selten zu einer Verurteilung. Letztes Jahr wurden in der Schweiz 495 Personen wegen Vergewaltigung angezeigt. Nur 97 wurden verurteilt. Dabei ist zu beachten, dass sich die Verurteilungen nicht zwingend auf Anzeigen aus demselben Jahr beziehen.

Ob ein Täter verurteilt wird, hängt von zwei Punkten ab, erklärt Patrick Guidon, Vizepräsident der Schweizerischen Vereinigung der Richterinnen und Richter: «Erstens müssen die Behörden Kenntnis davon haben, dass etwas passiert ist. Und zweitens müssen die Beweise für eine Verurteilung ausreichend sein.»

Dass die Beweislage ausreichend ist, dafür will Kathrin Wandeler von der Kantonspolizei Solothurn sorgen. Rund ein- bis zweimal pro Woche rückt sie wegen einer schweren Sexualstraftat aus. Für sie ist klar: «Die allererste Einvernahme des Opfers bei der Polizei ist sehr, sehr wichtig.»

Die ersten Aussagen unmittelbar nach der Tat seien am wenigsten verfälscht, «von Leuten, mit denen man nachträglich darüber geredet hat oder von Erklärungen, die man sich selbst plötzlich macht.»

Aussage gegen Aussage

Auch für Richter Patrick Guidon sind Erstaussagen entscheidend und eine sorgfältige Dokumentation wichtig. «Hier leisten die Staatsanwaltschaften und die Polizei sehr gute Arbeit», lobt er.

Leider würden jedoch viele Opfer selbst wichtige Spuren vernichten, sagt Rechtsanwältin Elena Lanfranconi: «Viele Frauen gehen nach einem erlebten Sexualdelikt duschen, weil sie sich schmutzig fühlen und waschen die Kleider.» Ein Problem, dem Kathrin Wandeler bei ihren Einsätzen entgegenzuwirken versucht: «Ich nehme bereits unterwegs mit dem Opfer Kontakt auf und gebe erste Hinweise zum Thema Spurenschutz.»

Die meisten Sexualdelikte sind sogenannte Vier-Augen-Delikte, nur Opfer und Täter wissen, was wirklich passiert ist. Aussage gegen Aussage und eine schlechte Beweislage – wie entscheiden die Richter da? «Es ist wichtig, dass man die Aussagen ganz genau analysiert», sagt Patrick Guidon. Ein Täterschutz unter dem Motto «Im Zweifel für den Angeklagten» sieht er aber nicht: «Es geht hier nicht darum, ob irgendwelche Zweifel vorliegen – das Gesetz sagt ausdrücklich, dass nur ‹unüberwindliche› Zweifel massgebend sind».

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Mirco Schmid (Mirco Schmid)
    Wichtig währe es zu wissen, warum es so wenig Urteile auf erstellten Anzeigen gab? Wie viele Verfahren stellte die Staatsanwaltschaft ein und warum? Wie viele Freisprüche gab es und warum? Wie viele Anzeigen wurden zurückgezogen und warum (aussergerichtliche Vergleiche z.B.)? Die Zahlen so sind wenig aufschlussreich.
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Wen wundert die Tatsache, dass die meisten Opfer - egal welchen Alters - von sexuellen Übergriffen, die Täter nicht bei Behörden/Ämtern melden?? Bei der "Täter schützenden Kuscheljustiz" und den vielen unfähigen, inaktiven "Schwachstellen" von Behörden/Ämtern?? Auch die Politik und der Bundesrat, interessiert diese erschreckende, beschämende Tatsache nicht, ansonsten längst gehandelt würde, mittels klaren Gesetzen für die langjährige, auch lebenslang verwahrende Gefängnisstrafe solcher Täter!!
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  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Ich selbst habe mehrfach Dinge erlebt die, wäre ich eine Frau, sofort als sexuelle Belästigung oder Gewalt beschrieben würden. Zum Beispiel den Trumpschen Griff in den Schritt oder was man heute als Stalking bezeichnen würde, und zwar von Frauen. Ich sehe mich nicht als Opfer und möchte mich nicht als solches aufspielen. Aber es gibt hier offensichtlich eine gesellschaftliche Akzeptanz für dinge die Männern passieren die es bei Frauen nicht gibt und das ist per Definition einfach nur Sexismus.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Im Artikel wird nirgendwo gesagt, dass sexuelle Gewalt nur von Männern gegen Frauen ist. Das geht auch umgekehrt oder gleichgeschlechtlich, das ist eigentlich in Fachkreisen gar keine Frage mehr. Dass weniger von Sexueller Gewalt gegen Männern insgesamt geredet wird hängt mit der Haltung wie Sie es beschreiben zusammen. Sie wollen kein Opfer sein, aber beklagen sich darüber, dass die Täterinnen dann auch keine Täterinnen sind.
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