Reformierte Kirche: Dämpfer für neue Verfassung

Die reformierte Kirche der Schweiz ist stark verzettelt. Die Kantonalkirchen sind eigenständig, die Kompetenzen des Kirchenbundes entsprechend gering. Das wollte man ändern – mit einer neuen Verfassung. Doch jetzt zeigen die Rückmeldungen aus den Kantonen: Alte Traditionen gibt man nicht gerne auf.

Die Kirche schrumpft: Vor 50 Jahren waren noch gut die Hälfte der Schweizer reformiert. Heute ist es noch knapp jeder Vierte. «Es wird Zeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen», sagt Gottfried Locher. Er ist Präsident des schweizerischen evangelischen Kirchenbundes.

Locher trieb die Idee an, aus 24 Kantonalkirchen eine evangelische Landeskirche zu formen. Mit einer starken Führung und einem nationalen Kirchenparlament – und entsprechend etwas weniger Macht für die Kantone.

«Es gab eine Zeit, da waren die Kirche und die kirchliche Öffentlichkeit eine kantonale Angelegenheit. Heute wohnen viele Menschen in einer Gemeinde, arbeiten aber in einer anderen Stadt, und Ferien schliesslich machen sie in einem anderen Kanton», sagt Locher. «Wir möchten eine Kirche, die wiedererkennbar ist in der ganzen Schweiz.»


Ein Präsident mit wenig Macht

4:04 min, aus SRF 4 News aktuell vom 27.12.2013

Locher ist zwar höchster Schweizer Reformierter, aber er ist ein Präsident mit wenig Macht. Er weiss inzwischen, dass sich das, was er als Jahrhundertprojekt bezeichnet, nicht so schnell umsetzen lässt. Denn die Kantone sind alles andere als begeistert davon, dass man ihre Grenzen sprengen will.

Die Landeskirche Aargau bezeichnete den laufenden Prozess der Verfassungsrevision in ihrer Stellungnahme gar als gescheitert. Viele schickten den Entwurf einfach zurück an den Absender mit der Aufforderung, einen neuen, weniger radikalen zu schreiben.

«Einheit in der Vielfalt»

Dabei sind sich die Reformierten grundsätzlich einig darüber, dass ihre Glaubensgemeinschaft einen Aufbruch nötig hätte und eine grössere Einheit gut täte. Aber schon das gewählte Motto «Einheit in der Vielfalt» bringt den Widerspruch auf den Punkt. «Wir müssen mit den Kirchen zusammen einen Weg finden, bei dem sie ihre Interessen vertreten sehen und den Nutzen einer grösseren Einheit entdecken», sagt Locher.

Die Pauluskirche in Basel.

Bildlegende: Die reformierte Kirche der Schweiz ist stark verzettelt. Keystone

Seine Zurückhaltung hat einen Grund: Er selbst war es, der vor zehn Jahren vorgeschlagen hatte, die Strukturen zu überdenken. Damals war er noch nicht Kirchenbundpräsident, jetzt schon. Und als solcher setzt er sich dem Verdacht aus, sich mit der Reform selber mehr Macht zuschanzen zu wollen.

Tatsächlich schlugen die Verfassungsreformer vor, den Posten eines evangelischen Landesbischofs zu schaffen: Einer Führungsfigur, die dieser Kirche in der Öffentlichkeit ein Gesicht geben sollte. Dort wird die katholische Kirche mit ihren Obrigkeiten – dem Papst und den Bischöfen – nämlich stärker wahrgenommen als die reformierte.

Weg der kleinen Schritte

Marketingstrategisch würde es also Sinn machen, auch so ein Amt zu schaffen. Doch es widerspricht der reformierten Tradition in der Schweiz. Auch das zeigen die Rückmeldungen aus den Kantonen. Und deshalb ist das Thema Bischof vorläufig vom Tisch.

Es wird wohl ein Weg der kleinen Schritte bis zu einer evangelischen Kirche Schweiz. Die Kantone sind zwar einverstanden damit, ein nationales Kirchenparlament – eine Synode Schweiz – zu schaffen. Aber wie viel Macht man diesem zugesteht, wird noch viel zu diskutieren geben. Vielleicht auch beim Kirchenvolk selbst: Denn dort ist diese Verfassungsdiskussion bisher noch gar nicht angekommen.