Ritalin: Das grosse Wachstum ist vorbei

Die jüngsten Zahlen zum Verkauf von Ritalin zeigen: Der Absatz blieb 2012 gegenüber dem Vorjahr praktisch konstant. In früheren Jahren betrug das Wachstum noch zwischen 10 und 30 Prozent. Eine Expertin erklärt das Phänomen.

Tabletten

Bildlegende: Fast 300'000 Packungen Methylphenidat wurden 2012 in der Schweiz verschrieben. Colourbox

Studenten im Prüfungsstress, Zappel-Kinder mit Lernschwierigkeiten: Ritalin gilt bei solchen Problemen als Wundermittel. Das Medikament erlebte in den letzten Jahren denn auch einen regelrechten Boom. Die Ärzte verschrieben es immer häufiger. Bisher.

Nun ist der Aufwärtstrend gebrochen, zum ersten Mal seit Jahren. Nahm der Verkauf von Ritalin bisher um jährlich etwa 15 Prozent zu, zeigen die Zahlen des Apotheker-Verbandes pharmaSuisse nun eine Stagnation. Im letzten Jahr konnte die Pharma-Industrie nur noch 0,5 Prozent mehr Medikamente mit Methylphenidat absetzen. Ritalin macht mit Abstand den grössten Teil dieser Medikamente aus.

Schweizer Absatzvolumen von Methylphenidat Die Grafik zeigt das Absatzvolumen von Medikamenten mit dem Wirkstoff Methylphenidat (in 1000 Packungen pro Jahr). IMS, Interpretation pharmaSuisse

Wie lässt sich diese Stagnation erklären? «Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig und müssen vertieft analysiert werden», sagt Angela Brunner von pharmaSuisse. «Neben einer gewissen Marktsättigung hat vermutlich auch generell eine kritischere Haltung gegenüber derartigen Produkten Einzug gehalten.»

Viele Alternativen auf dem Markt

An der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich kennt man weitere Gründe für den gebremsten Ritalin-Absatz. «In den letzten Jahren sind viele Alternativen zu Ritalin auf den Markt gekommen – Medikamente  mit anderen Wirkstoffen», sagt Dominique Eich-Höchli, die Leitende Ärztin.

So werden bei dem sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) nun auch Antidepressiva eingesetzt, die weiterentwickelt wurden. Sie sind für ängstlich-schwernehmende Patienten geeignet, bei denen die Hyperaktivität nicht im Vordergrund steht. Andere Patienten sind eher unaufmerksam oder impulsiv – auch hier kommen heute andere Medikamente zum Zug.

«Ritalin ist ein gutes Medikament, aber nicht für alle Formen von Hyperaktivität geeignet», sagt Dominique Eich-Höchli. Sie ist auch Co-Präsidentin der Schweizerischen Fachgesellschaft für ADHS. «Mit der grösseren Auswahl an medikamentösen Alternativen sinkt der Absatz von Methylphenidat.» Das beobachte sie auch in ihrer Ambulanz.

Verdacht auf Missbrauch bleibt

Die Ärztin hat noch eine weitere Erklärung für das Phänomen: «Die Patienten nehmen ja nicht ihr ganzes Leben lang Ritalin ein. Ein Teil hat vermutlich aufgehört.» Und die Anzahl Neudiagnostizierter könne nicht beliebig steigen. Deshalb stabilisiere sich der Ritalin-Absatz langfristig.

Ritalin-Hersteller Novartis will sich nicht zum Verschreibungsverhalten der Ärzte äussern. Diese allein würden entscheiden, wann eine Therapie mit Ritalin sinnvoll sei.

Auch wenn der Ritalin-Verkauf derzeit stagniert – die Sorge der Fachleute um Missbrauch und Fehldiagnosen bleibt. Experten empfehlen deshalb die Einführung einer besonderen Qualifikation der Ärzte, die ADHS-Patienten behandeln. Politiker wiederum pochen auf strengere Regeln zur Eindämmung des Missbrauchs. Damit ist klar: Ritalin wird ein Thema bleiben.

(SRF 4 News, 11.30 Uhr)

Strengere Regeln gefordert

Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats fordert vom Bundesrat, gegen die grosszügige Verschreibung von Ritalin vorzugehen. Eine entsprechende Motion hat der Nationalrat am Donnerstag angenommen. Zudem beauftragt er den Bundesrat, in einem Bericht den Handlungsbedarf bei Ritalin aufzuzeigen.