Zum Inhalt springen

Schweiz «Roboter dürfen das Pflegepersonal nicht ersetzen»

Sieht so die Zukunft aus: Roboter waschen einem betagten Menschen die Haare, holen die Post oder bringen ihn ins Bett. Eine Ethik-Wissenschaftlerin hat ihre Zweifel.

Das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss veröffentlichte die Studie «Robotik in Betreuung und Gesundheitsversorgung». Sie wurde von einem interdisziplinären Team unter der Leitung von Heidrun Becker (im «Tagesgespräch») durchgeführt.

Was bedeutet der Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen aus ethischer Sicht? Diesen Fragen ging «SRF News Online» mit der Leiterin des Instituts «Dialog Ethik» nach.

SRF News Online: Mit Robotern im Gesundheitswesen scheint der Mensch von der Maschine vermehrt abhängig zu werden. Wie schätzen Sie das ein?

Dr. Ruth Baumann-Hölzle: Wenn Roboter die Beziehung zu den Menschen ersetzen sollen, dann ist deren Einsatz hochproblematisch. Werden sie instrumentell eingesetzt, um die Autonomiefähigkeit eines betagten Menschen zu unterstützen, dann bringen Roboter durchaus positive Aspekte mit sich. Doch problematisch ist, wenn alte Menschen daheim aufgrund der Robotertechnik noch mehr vereinsamen und keine Beziehungsmöglichkeiten mehr haben.

Auch folgende Idee existiert: Alte Menschen kommunizieren von daheim aus mit dem Therapeuten oder dem Arzt. Dafür benötigen sie einen Telepräsenz-Roboter. Via Bildschirm treten Patient und Betreuer so in Kontakt.

Aber gerade der regelmässige Besuch beim Hausarzt ist für Betagte manchmal einer der wenigen Beziehungspunkte zu anderen Menschen überhaupt. Mit dem Roboter werden die Beziehungen funktionalisiert. Die Begegnung von Mensch zu Mensch wird immer mehr rationiert. Wo aber erleben wir dann Sinn? Wohl kaum in der Kommunikation mit dem Roboter, sondern im Austausch mit den Mitmenschen.

Worin sehen Sie den Grund für die Entwicklung?

Wir haben ein gesellschaftliches Problem in Bezug auf Raum und Zeit für das Ereignis Beziehung. Je mehr eine Gesellschaft funktional, leistungsorientiert organisiert ist, umso weniger hat sie Raum und Zeit für Beziehungen zwischenmenschlicher Art. Kernsache ist deshalb, den Mangel an Pflegepersonal nicht mit Robotern zu beheben, sondern mit gut ausgebildeten Fachkräften. Roboter sollen die Pfleger nicht ersetzen.

Wichtig ist, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine nicht verwischt wird.

Wie könnten Roboter verantwortungsvoll eingesetzt werden?

Indem sie das Pflegepersonal unterstützen. Wichtig ist, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine nicht verwischt wird. Sonst gelangt der Mensch zunehmend in eine existenzielle Abhängigkeit vom Roboter. Er wird zum Objekt der Robotertechnik. Die Frage bleibt, wofür das alles dienen soll.

Wofür soll es dienen?

Diese Frage nach dem guten Leben und guten Sterben muss geklärt werden. Auch jene, ob sich ein gutes Leben mit der Robotertechnik vereinbaren lässt und ob es menschenwürdig ist, wenn bei betagten Menschen Glücksgefühle über Roboter hervorgebracht werden.

Ihr Vorschlag für einen verantwortungsvollen Einsatz der Robotertechnik?

Dafür müssen wir normative, ethische Kriterien entwickeln. Und: Das Gesundheitswesen müsste auf das Krankheitswesen beschränkt werden. Die Frage nach dem guten Leben müssen wir breit in die Gesellschaft hinaustragen. Was derzeit passiert, ist der umgekehrte Fall. Alle sozialen Probleme werden an die Medizin delegiert.

Zur Person

Zur Person

Ruth Baumann-Hölzle leitet das Institut Dialog Ethik, ein interdisziplinäres Institut für Ethik im Gesundheitswesen. Seit 1998 ist sie Mitglied der kant. Ethikkommission Zürich, seit 2001 der nat. Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. Ihr Schwerpunkt heute: interdisziplinäre ethische Entscheidungsfindung in der angewandten klinischen Ethik.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Schweigler Armin, Schweiz
    Beim heutigen Pflegenotstand müsste man das überdenken um das Personal zu entlasten. Wenn man sonst nichts mehr findet LEIDER.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Es kann doch wohl nicht sein, dass einerseits die einheimischen Heimbewohnerinnen und -bewohner durch Roboter betreut werden, während Zugewanderten aus allen Herren Ländern in eigens dafür eingerichteten Stockwerken ein Stück Heimat mit Entsprechendem Essen und Personal (Menschen!) geboten wird. .
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Knecht, Kontinentaleuropa
    Das sieht die gute Frau Baumann-Hölzle m.E. richtig. Roboter sind Maschinen und somit auch nur Werkzeuge. Werkzeuge, welche dazu da sind um mühsame Tätigkeiten für Pflegepersonal als auch Patienten zu erleichtern wo es Sinn macht. Hingegen sollte jeder Mensch ein Anrecht haben auf täglich zwischenmenschliche Kommunikation. Nur verwieschen da leider mehr und mehr die Grenzen zwischen Mensch und Maschine "dank" Siri und Chatbots wie Stella und ALICE.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen