Zum Inhalt springen

Schweiz Schädlinge unter Quarantäne

In Birmensdorf Zürich experimentieren Forscher bald mit besonders gefährlichen Baumschädlingen. Im neuen Labor des Bundes sollen Wege gefunden werden, um den eingeschleppten Pilzen, Käfern und Würmern den Garaus zu machen.

Legende: Video «Speziallabor gegen Schädlinge» abspielen. Laufzeit 3:02 Minuten.
Aus Tagesschau vom 20.10.2014.

Sie kommen als blinde Passagiere mit dem Schiff, dem Flugzeug oder über den Landweg. Sie verstecken sich gerne in Holzverpackungen und fühlen sich in der hiesigen Vegetation überaus wohl. Einmal frei gesetzt, können sie ganze Ökosysteme und die Waldwirtschaft in Gefahr bringen. Die Rede ist von eingeschleppten Insekten, Pilzen oder Fadenwürmern.

Viele dieser gebietsfremden Organismen stammen aus wärmeren Regionen, gedeihen aber wegen der Klimaerwärmung auch in der Schweiz. Ab kommendem März können hiesige Forscher unter modernsten Bedingungen herausfinden, wie man den Eindringlingen an den Kragen geht. In Birmensdorf (ZH) wurde dazu das Pflanzenschutzlabor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) eingerichtet, wo Forscher mit den Organismen experimentieren können.

Starke Zunahme eingewanderter Schädlinge

Laut Christoph Hegg, Vizedirektor des WSL, hat die Anzahl der Insektenarten, die einheimische Waldbäume und Sträucher schädigen können, in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Die Ursache dafür sind der globale Handel, aber auch die Mobilität der Menschen.

Als Beispiel für einen sehr gefährlichen Quarantäne-Organismus nennt Hegg den Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB), der mit Granit-Lieferungen aus China den Weg in die Schweiz gefunden hat. 2013 mussten in Winterthur über 100 Bäume gefällt werden, um eine Ausbreitung des Käfers zu verhindern.

Auch eingeschleppte Pilzkrankheiten nehmen laut Hegg in der Schweiz deutlich zu. Diese breiteten sich über mikroskopisch kleine Sporen oft so schnell aus, dass man sie nicht daran hindern kann. Zudem könnten Fadenwürmer, die über Holzlieferungen von Übersee nach Europa gelangt sind, in wenigen Jahren verschiedene Föhrenarten in der Schweiz bedrohen.

Labore mit höchster Schutzstufe

Solch gefährlichen Organismen will die WSL mit dem neuen Pflanzenschutzlabor in Birmensdorf den Garaus machen. In rund 20 Labors erforschen ab dem nächsten Jahr Experten Pflanzenschädlinge, untersuchen verdächtige Proben und erarbeiten Abwehrstrategien.

Neu ist diese Aufgabe für die WSL nicht, wie Hegg betont. Weil besonders gefährliche Pilze, Fadenwürmer oder Insekten von Gesetzes wegen nur in geschlossenen Systemen erforscht werden dürfen, waren die technischen Möglichkeiten bisher jedoch begrenzt.

Einzigartig am neuen Labor am WSL-Sitz in Birmensdorf ist der Gebäudeteil mit der höchsten Schutzstufe 3. Diesen Teil dürfen nur geschulte Mitarbeitende über eine Schleuse betreten – zudem müssen sie Schutzkleidung und Laborschuhe tragen. Ein aufwendiges Belüftungssystem erzeugt einen permanenten Unterdruck und filtert die Abluft.

Abwasser und verwendetes Material wie Proben, Laborutensilien oder Schutzkleider werden in einem so genannten Durchreicheautoklav, der ähnlich funktioniert wie ein Dampfkochtopf, auf 120 Grad erhitzt und so die Schadorganismen abgetötet. Das Labor sei so dicht, dass kein Schädling es lebend verlassen könne, erklärte Hegg.

Vom Mikroskop bis zur DNA-Analyse

An einer mikrobiologischen Sicherheitswerkbank isolieren Forschende Erreger, vermehren diese wenn nötig in Reinkultur und analysieren diese unter dem Mikroskop. Geben äussere Merkmale nicht genügend Aufschluss, greifen die Forschenden zu molekularbiologischen Methoden und bestimmen Verwandtschaft und Herkunft der Organismen mit Hilfe von DNA-Analysen.

An das Laborgebäude angegliedert ist ein Gewächshaus aus bruchsicherem Glas, das die gleichen Anforderungen wie das Sicherheitslabor erfüllt. Darin können Forschende unter kontrollierten Bedingungen Schädlinge auf Pflanzen loslassen, um Hinweise auf ihre Anfälligkeit zu gewinnen und Bekämpfungsmassnahmen zu entwickeln und zu testen.

Von den Versuchen mit Insekten profitiert auch der Eidgenössische Pflanzenschutzdienst (EPSD), der seit 2012 zur Bekämpfung des Asiatischen Laubholzbockkäfers Spürhunde einsetzt. Damit die Hunde ihren Geruchssinn behalten, müssen sie regelmässig trainiert werden. Schnüffeln dürfen sie im Pflanzenschutzlabor allerdings nur an totem Material, wie Hegg betont.

In Betrieb genommen werden kann das Pflanzenschutzlabor in Birmensdorf erst im kommenden März. Zunächst werden die Laboreinrichtungen in einem aufwendigen Prozess überprüft und getestet. Erst danach können die eigentlichen Laboruntersuchungen beginnen. Laut Hegg können die Labors auch von in- und ausländischen Forschungspartnern genutzt werden.

9 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Charles Halbeisen, Bronschhofen
    Jetzt fehlt nur noch dass der VGT (Verein gegen Tierfabriken) daher kommt und die Freilassung aller Mitgeschöpfe fordert
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Keller, Thurgau
    Und nun bitte noch die Bevölkerung miteinbeziehen, um befallene Regionen schneller erfassen zu können... So ist auch dieses Jahr die Verbreitung der "marmorierten Baumwanze", einem Schädling aus Asien der seinen Weg in die CH und Süd-D via Flughafen Zürich gefunden hat, wieder stärker geworden... Die wenigsten Menschen erkennen solche Schädlinge und wissen was zu tun ist... Und so geht die Verbreitung ungehindert weiter...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von m.fischbacher, nidau
      Ach diese Art Schädlinge meinten sie.....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von M. Keller, Thurgau
      Ja. Käfer, Wanzen, Spinnen etc, die hier keine natürlichen Feinde haben. Es mag noch Menschen geben die denken das Australien mit den extremen "Pestcontrol Laws" übertreibt, aber die machen dies nicht ohne Grund. Stellen Sie sich vor, sie haben so einen Schädling bei sich im Garten; und müssen mitansehen, wie der sich wegverbreitet, weil kein hiesiges Mittel das sie kaufen können hilft, und auch kein Fressfeind da ist. Und KEINE amtliche Stelle interessiert sich dafür...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Dann muss man aber auch die Träger der mit Pilzen, Schädlingen & Co. gefüllten Koffern unter Quarantäne stellen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Peter Meier, Zürich
      Haben Sie den Artikel verstanden?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von M. Keller, Thurgau
      P. Meier - wie glauben Sie, kommen solche Schädlinge in's Land? Vgl. die marmorierte Baum (oder Haus-?)Wanze. Die kam über's Gepäck eines Flugreisenden. Und wo im Gepäck was ist, kann auf Kleidung etc auch was sein. Zwei/drei Tage in Quarantäne sind eine gute Methode um den Menschen etwas Vorsicht beizubringen... In Australien hat's funktioniert (was hatten die für Katastrophen durch eingeschleppte Schädlinge bis die ihr "Pestcontrol Law" eingeführt haben...)
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Peter Meier, Zürich
      M. Keller: Im Unterschied zu Australien leben wir nicht in einem in irgendeiner Weise abgeschlossenen Ökosystem. Das heisst, viele dieser Arten kommen so oder so irgendwann, ob mit Flugzeug oder ohne. Die internationalen Transportwege beschleunigen nur den Vorgang.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    4. Antwort von M. Keller, Thurgau
      Richtig, die Wege werden beschleunigt. Währenddem die Natur auf "herkömmlichen Weg" sich selber wappnen kann, wird durch die menschliche Beschleunigung des Vorgangs die Natur überrumpelt - so haben die Schädlinge freie Hand zu tun was immer sie wollen... Wie in Australien...Leider siegt auch hier die Einstellung "alles, was aus dem Ausland kommt ist gut" - und niemand erkennt die Gefahr für die Natur...
      Ablehnen den Kommentar ablehnen