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Schmerzmittel-Boom «Opioide können durchaus sinnvoll sein»

Legende: Audio Konrad Maurer: «Es gibt keinen dringenden Handlungsbedarf» abspielen. Laufzeit 05:10 Minuten.
05:10 min, aus SRF 4 News aktuell vom 21.06.2018.

In der Schweiz werden viel mehr Opioide verschrieben als früher. In den letzten 30 Jahren ist der Gebrauch der Schmerzmittel um das 23-fache angestiegen, wie eine Studie in der «Revue Médicale Suisse» zeigt. Das Problem: Opioide können süchtig machen.

So kämpfen etwa die USA geradezu mit einer Opioid-Seuche. Dort sind Hunderttausende Personen süchtig nach Fentanyl, Codein, Tramadol & Co. Viele von ihnen rutschen in die illegalen Drogen ab, wenn der Arzt die Medikamente absetzt. Droht der Schweiz ähnliches? Darüber weiss der Schmerzart Konrad Maurer mehr.

Konrad Maurer

Konrad Maurer

Arzt

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Prof. Dr. Konrad Maurer ist Oberarzt an der Uni-Klinik in Zürich und dort leitender Arzt in der ambulanten und stationären Schmerztherapie (IfA) sowie in der experimentellen Schmerzforschung.

SRF News: In der Schweiz hat die Einnahme von Opioiden in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen. Wieso?

Konrad Maurer: Zunächst muss man diese Zunahme relativieren, denn in den 1980er-Jahren sind möglicherweise zu wenig Opioide für Schmerzpatienten verschrieben worden, als eigentlich nötig gewesen wären. Jetzt dagegen sind es eher zu viel. Zudem stehen den Ärzten heute mehr und bessere Opioid-Medikamente zur Verfügung, die viel differenzierter eingesetzt werden können als vor 30 Jahren. Entsprechend werden auch mehr von diesen Schmerzmitteln verschrieben. Das heisst aber keineswegs, dass dies unkontrolliert geschieht.

Krebspatienten mit Tumorschmerzen werden Opioide relativ rasch und grosszügig verschrieben.

In welchen Fällen verschreiben Sie als Arzt Opiodie?

Grundsätzlich werden sie bei Krebspatienten eingesetzt, die unter Tumorschmerzen leiden. In diesen Fällen werden diese Schmerzmittel relativ rasch und grosszügig eingesetzt. Opioide können gemäss den internationalen Richtlinien aber auch bei anderen Schmerzen verschrieben werden. Das kann bei Rückenschmerzen sein oder bei nervenbedingten Schmerzen – nicht aber bei muskulären Schmerzen.

Symbolbild: Blister mit Kapseln und Tabletten.
Legende: Werdn in der Schweiz zu viele Medikamente verschrieben, die Opioide enthalten? Imago

Und wann ist es problematisch, dass Opioide heute vermehrt zum Einsatz kommen als früher?

Problematisch ist es vor allem dann, wenn der Schmerz bloss als Symptom bekämpft wird. Es ist falsch, einfach umso mehr Opioide einzusetzen, je stärker der Schmerz ist, ohne dessen Ursache zu therapieren. Die moderne Schmerzmedizin will eruieren, was dem Schmerz zugrunde liegt. Es gib Schmerz-Mechanismen, bei denen Opioide nichts bringen. Wenn man das konsequent berücksichtigt und Schmerzen richtig behandelt, sind Opioide durchaus sinnvoll.

Wir wissen nichts über die Gründe, wieso Opioide verschrieben werden. Wir sehen bloss eine Zunahme bei Menge.

Eine Verdreiundzwanzigfachung innert 30 Jahren ist eine enorme Zunahme – sind die Ärzte beim Verschreiben der Opioide laxer geworden?

Das kann man so sagen – die Ärzte haben dazu gelernt und mit den Opioiden viel Erfahrungen gesammelt. Entsprechend fühlen sie sich heute sicherer, wenn sie solche Schmerzmedikamente verschreiben. Die Frage, ob Opioide allenfalls unnötigerweise verordnet werden, lässt sich allerdings nur schwer beantworten. Wir wissen nichts über die Gründe, wieso sie verschrieben werden. Wir sehen bloss die Zunahme bei der verschriebenen Menge.

Es gibt keinen dringenden Handlungsbedarf, aber wir müssen sensibilisiert sein und die Entwicklung genau mitverfolgen.

Die Schweiz ist weltweit auf Platz 7, was das Verschreiben von Opioiden angeht. Auf Platz 1 sind die USA, wo von einer regelrechten Opioid-Epidemie gesprochen wird. Läuft die Schweiz ebenfalls Gefahr, in eine solche Opioid-Krise zu geraten?

Davon sind wir weit entfernt. In den USA gibt es verschiedene Gründe und Voraussetzungen, die zu dieser Krise geführt haben, die es in der Schweiz so nicht gibt. Das betrifft etwa die Kontrolle und Abgabe dieser Medikamente.

Sehen Sie angesichts der starken Zunahme in der Schweiz trotzdem Handlungsbedarf?

Seit ein paar Jahren beobachten wir die Entwicklung konsequenter als früher, wir organisieren Symposien und Studien zur Opioid-Verschreibung. Es ist sehr wichtig, dass man genau hinschaut. Zwar gibt es überhaupt keinen dringenden Handlungsbedarf, aber wir müssen sensibilisiert sein und die Entwicklung genau mitverfolgen.

Das Gespräch führte Melanie Pfändler.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    2) Ein dritter Grund sind die Haftpflichtgesetze und Nebenwirkungen der anderen Schmerzmittel. Wenn ein Patient eine Magenblutung erleidet wird der Arzt verklagt und die Millionenentschädigungen ruinieren ihn. Wenn der Patient süchtig wird ist er selber schuld und kann nicht klagen. Alle drei Gründe spielen in der Schweiz keine Rolle - noch keine ist man versucht zu schreiben.
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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    1) Einer der Faktoren der Opioidkrise in den USA sind die fehlenden Krankenkassen. Es ist billiger Schmerzmittel zu verabreichen als nicht versicherte Menschen korrekt abzuklären und zu behandeln. Ein weiterer Faktor sind die Kriegsveteranen. Im Einsatz werden sie mit Medikamenten einsatzfähig gedopt, zu Hause kümmert sich niemand mehr um sie.
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  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Wie beim System werden auch beim Menschen nur noch die Systeme gepflaesterlet statt das Uebel an der Wurzel ausgerottet. Abgesehen von der Palliativmedizin und der Medikation der vom Arbeitsjoch befreiten Krebskranken, werden Schmerzmittel, Benzos und andere Dopingkanonen nicht mehr nur zur Kupierung der akuten Krise eingesetzt und nachher in langen Kuren mit Sanierung des Grundes und des Umfelds ausgeschlichen, sondern als Dauerdopingkeule fuer Vollzeitpraesenz missbraucht....
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Ziemlich unsachlich was Sie da behaupten. Es mag einzelne Ausnahmen geben wie in jedem Beruf. Aber es ist sicher nicht so, dass Patienten in der Schweiz nicht sauber abgeklärt und behandelt werden.
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