Schreibservice für Krankenberichte: Wo bleibt der Datenschutz?

Die Vorstellung kann auf den Magen schlagen: Die Ärztin, der man anvertraut hat, woran man leidet, schreibt ihren Krankenbericht gar nicht selbst. Stattdessen lässt sie die vertraulichen Daten von einem externen Schreibbüro abtippen. Doch der Datenschutz ist dort nicht immer gewährleistet.

Eine Frau in weissem Kittel räumt ein Dossier in die unterste Schublade eines Aktenschranks.

Bildlegende: Was man in einer Praxis unter dem Siegel der Verschwiegenheit sagt, landet eventuell auf dem Tisch eines Schreibbüros. Keystone

Tanja Flisch aus Winterthur hat der Erfolg überrumpelt. Vor zwei Jahren gründete die Arztsekretärin einen medizinischen Schreibservice. Das Prinzip: Ärzte diktieren ihre Berichte und Gutachten auf Tonband und schicken ihr das Material per E-Mail oder per Post. Sie macht daraus dann schriftliche Berichte. Es hätte ein Nebenerwerb werden sollen, heute ist es ein Vollzeitjob. Flisch sagt: «Ich bin jetzt seit April 2013 mit meiner Dienstleistung tätig, und ich merke, dass die Nachfrage steigend ist.»

Neben Ärzten klopfen auch Spitäler bei ihr an. Flischs Geschichte ist nur ein Beispiel für einen regelrechten Boom bei den medizinischen Schreibbüros. Im Internet finden sich inzwischen zahlreiche Adressen für interessierte Ärzte. Und ein Artikel in der Schweizerischen Ärztezeitung kam kürzlich zum Schluss, dass das Angebot eindeutig zunimmt, auch wenn es noch keine Zahlen dazu gibt.

Sinnvoll, aber problematisch

Warum dieser Boom? Klaus Kemmerling ist Psychiater in Herisau. Er nutzt selbst den Schreibservice von Tanja Flisch und findet: «Es ist sehr sehr hilfreich, wenn man weiss, es gibt jemanden, eine Person, die einem diese Berichte schreibt, ohne jemanden fix angestellt zu haben. Auch aus ökonomischer Sicht macht das Sinn.» Zeit sparen die Ärzte damit ebenfalls. Die administrative Arbeit nehme zu, sagt Kemmerling. Gerade lange Gutachten lasse er deshalb lieber abtippen.

Theoretisch kann fast jeder ein medizinisches Schreibbüro eröffnen. Doch gerade deshalb kann es auch Probleme geben; etwa Probleme beim Datenschutz.

Psychiater Kemmerling sagt, Datenschutz sei ihm wichtig. So benutze er nur verschlüsselte Leitungen, um Daten zu übermitteln. Und er wolle wissen, wo seine Schreibkraft ihre Daten abspeichere und wer sonst noch Zugang zu ihrem Computer habe. Kurz gesagt: «Ich möchte die Person kennen, ich möchte wissen, wie sie arbeitet, ich habe mit ihr regelmässigen Kontakt. Ich bespreche diese Dinge bevor ich sie überhaupt beauftrage, meine Berichte zu schreiben.» Am Ende sei es aber tatsächlich eine Sache des gegenseitigen Vertrauens.

Auftrag an marokkanisches Büro

Auch Flisch sagt, sie nehme den Datenschutz in ihrem Schreibbüro sehr ernst und verschlüssle alles. Sie lösche jeden Bericht gleich nach dem Abtippen. Und sie sichere jedem Auftraggeber schriftlich zu, dass sie sich ans Arztgeheimnis halte. Schwarze Schafe in Sachen Datenschutz gebe es aber durchaus: «Ich denke, der Datenschutz wird nicht bei allen so ernst genommen wie bei mir. Ich merke aber auch, dass der Datenschutz von Ärzteseite her oft nicht so ernst genommen wird.»

Besonders problematisch ist das dann, wenn Daten ins Ausland fliessen. Kürzlich hat das Universitätsspital Genf Daten von Patienten an einen Schreibservice in Marokko geschickt. Dies unterband schliesslich der Genfer Gesundheitsdirektor persönlich. Denn wer seine Daten ins Ausland schickt, hat noch weniger Kontrolle darüber, was mit ihnen geschieht und wie das Gesetz sie schützt.

Trotzdem, sagt der Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür, sei es grundsätzlich erlaubt, medizinische Schreibbüros zu nutzen, und zwar im In- und im Ausland: «Es geht hier um eine Datenbearbeitung durch Dritte. Die ist vom Gesetz her unter bestimmten Rahmenbedingungen möglich.» Wichtig sei, dass sich der Arzt zusichern lasse, dass sich seine Hilfskräfte an die Schweigepflicht hielten. Bestenfalls sollte der Arzt in seinen mündlichen Berichten nicht die richtigen Namen seiner Patienten benutzen.

Computerfirmen im FMH-Visier

Dem pflichtet Urs Stoffel von der Ärztegesellschaft FMH bei. Die Ärzteschaft habe das Problem erkannt, sagt er. Neben den Schreibservices wolle man in Zukunft vor allem auch die Computerfirmen genauer anschauen, die für Ärzte und Schreibservices arbeiteten. Denn: «Die haben praktisch vollständigen Zugriff auf alles, auch auf vertrauliche Daten, sonst könnten sie die Systeme ja nicht warten.»

Deshalb bereitet die Ärztegesellschaft im Moment Musterverträge vor, die die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und externen Dienstleistern regeln – Verträge, die den Datenschutz auch bei Krankenakten gewährleisten sollen.