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Schweiz Schulpflege – ein Auslaufmodell?

Das Schweizer Schulsystem ist im Wandel: In den letzten zwanzig Jahren haben fast alle Kantone professionelle Schulleitungen eingeführt. Diese übernehmen in den Schulen das Tagesgeschäft – anstelle von Schulpflege oder Schulkommission.

Eine Lehrerin erklärt einem Schüler etwas.
Legende: Wer soll künftig die Leistung der Lehrerinnen und Lehrer bewerten? Keystone

Die gute alte Schulpflege ist unter Druck. Wichtige Aufgaben haben die Schulleitungen übernommen, wie etwa mit Schulbesuchen die Leistung der Lehrer bewerten. Und die finanziellen Kompetenzen liegen heute meist bei den Gemeindebehörden.

Der Schulpflege sind also die Aufgaben abhandengekommen. Beat Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes: «Die strategische Führung liegt heute in vielen Kantonen und Gemeinden beim Gemeinderat. Darum gehört das Modell Schulpflege eben nicht mehr zum aktuellen Setting.»

Bereits abgeschafft

Und so geht der Niedergang der Schulpflege weiter: Der Kanton Solothurn etwa hat sie bereits abgeschafft. Und im Aargau schlägt die Regierung dasselbe vor. Mirjam Obrist vom Aargauer Bildungsdepartement erklärt, weshalb: «Die Schulpflege ist auf dem Papier das oberste Führungsgremium der Schule, aber sie kann nie entscheiden. Sie ist immer auf ein anderes Gremium angewiesen. Das macht sie zahnlos.»

Mit dem Gemeinderat, der Schulleitung und der Schulpflege seien heute zu viele Gremien für die Schule zuständig. Die Strukturen müssten einfacher werden, so Obrist. Damit spuren die Kantone Solothurn und Aargau den Weg vor. Die Tendenz gehe ganz klar in Richtung Abschaffung, sagen Bildungsexperten.

Das ist ganz im Sinne der Schulleiter. Sie sind heute für die operative Führung der Schulen zuständig und haben die Schulpflege als Aufsicht über die Lehrerinnen und Lehrer abgelöst. Bernard Gertsch, der Präsident des Verbandes der Schulleiterinnen und Schulleiter der Schweiz, begrüsst die Entwicklung: «Generell sagen wir, dass die Schulleiter Gestaltungsraum brauchen, um ihre Aufgabe gut machen zu können.»

Schlankere Strukturen ohne Schulpflege, eine straffere Führung dank den Schulleitern. Doch so eindeutig ist das Bild in der föderalistischen Bildungslandschaft Schweiz nicht: Es gibt nämlich eine Reihe von Kantonen – wie etwa Zürich, St.Gallen oder Thurgau –, die nicht im Traume daran denken, die Schulpflege abzuschaffen.

Bindeglied zwischen Schule und Volk

Und auch sie haben gute Argumente: Für Martin Wendelspiess, Leiter des Volksschulamtes des Kantons Zürich, ist die Schulpflege ein wichtiges Bindeglied zwischen der Schule und der Bevölkerung: «Auf der einen Seite haben wir die Schule als relativ geschlossenen Kreis, auf der anderen Seite die Schulpflege, bestehend aus Eltern, Leuten aus dem Gewerbe, aus der Politik.»

Auch für die Verfechter der Schulpflege ist aber klar: Die Schulpflege muss eine neue Rolle finden. Sie hat heute wie der Verwaltungsrat einer Firma eine steuernde, beratende Aufgabe und muss nicht mehr die Arbeit der Lehrer bewerten. Aber als Aufsichtsorgan könne sie weiter eine wichtige Rolle spielen.

Doch mit der Abschaffung der Schulpflege komme auch etwas abhanden, das sehen Kritiker wie Bernard Gertsch vom Verband der Schulleiter: «Diese Nähe zum Volk geht verloren. Eltern und gewählte Vertreter setzen sich nicht mehr echt mit der Schule auseinander.» Jene Gemeinden und Kantone, die die Schulpflege abschaffen, werden also den Kontakt zu den Eltern auf einem neuen Weg knüpfen müssen.

(basn;galc)

3 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Aebersold, Zürich
    Die Abschaffung der Schulpflege bedeutet das Ende der Direkten Demokratie im Schulwesen bzw. das Ende der Volksschule. Die Bürokratie will ihre gescheiterten Reformexperimente ungehindert (ohne Volksaufsicht) weiterführen können. Die Bürger sollen nur noch die Millionen an Steuergeldern hinblättern und nichts mehr zu sagen haben. Von den Schulleitern habe bereits 16% Burnout und jetzt will man sogar Nicht-Lehrer als "professionelle" Schulleiter anstellen. Das kann nur schief gehen!
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  • Kommentar von Toni Kleimann, Cham
    Der Graben zwischen der Schule und der Bevölkerung ist in den letzten Jahren gewachsen: Einerseits durch unausgegorene Reformen, begleitet durch eine Sprache, mit deren Hülsen die Eltern nichts anzufangen wissen und andererseits durch auf strategische Aufgaben reduzierte Schulkommissionen, welche im luftleeren Raum operieren. Die Schulpfleger sind dabei überfordert, haben den Kontakt zum Schulbetrieb verloren und können den Goodwill bei Parteien und beim Volk nicht mehr bewerkstelligen.
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  • Kommentar von Walter Schwarb, Ueken
    Es wäre hilfreich, auch das System Schulleitung zu überdenken. Hier tummeln sich viele Exlehrpersonen, die man besser nicht mehr vor eine Klasse stellt, die mit einer relativ geringen Weiterbildung ein Amt haben, wo sie Macht ausüben können und dazu überdurchschnittlich bezahlt sind. Vielen fehlt Sach- und Sozialkompetenz, von Professionalität kann, mit wenigen Ausnahmen, keine Rede sein. Das System Schulpflege/Rektorat hatte sich über Jahre bewährt und, es hat Millionen weniger gekostet.
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