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Schweiz Schwarze Spitälerliste: «Zu viele unnötige Routinebehandlungen»

Nicht jede medizinische Behandlung im Spital ist notwendig. Um die überflüssigen zu erkennen und zu vermeiden, verordnet sich die Allgemeine Innere Medizin eine Top-5-Liste vermeidbarer Behandlungen und Therapien. «10vor10» liegt diese neue «Schwarze Liste» exklusiv vor.

Legende: Video FOKUS: Überflüssige Spital-Behandlungen abspielen. Laufzeit 6:57 Minuten.
Aus 10vor10 vom 24.05.2016.

Umfangreiche Blut- und Röntgenuntersuchungen sind «unnötige Routineverordnungen». Das sagt die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) und hat diese jetzt auf die Top-5-Liste für den stationären Spitalbereich gesetzt, zu der vier weitere zu vermeidende Behandlungen gehören. Auf der Liste sind auch Dauerkatheter bei Inkontinenz oder zu grosszügige Bluttransfusionen.

Überraschend: Auf der Liste finden sich auch Massnahmen, die insbesondere ältere Menschen betreffen. Diese sollen während des Spitalaufenthaltes etwa nicht zu lange im Bett liegen gelassen werden. Die Mobilisierung der Patienten sei entscheidend. Eine reduzierte Gehfähigkeit erhöhe die Notwendigkeit einer Rehabilitation, so die SGAIM. Die Fachgesellschaft für Allgemeine Innere Medizin möchte auch das Verschreiben von sogenannten Benzodiazepinen und anderen Beruhigungsmitteln – etwa gegen Schlaflosigkeit – einschränken. Diese verdoppelten das Risiko für Stürze oder erneute Hospitalisierungen.

Die Top-5-Liste der SGAIM ist mit Spannung erwartet worden. Deren Fachgruppe ist der Ansicht, die aufgeführten Massnahmen hätten für die Patienten häufig keine Vorteile oder sogar Nachteile.

Finanzielle Fehlreize bestehen

Im Berner Inselspital wird die Liste bereits zu gewissen Teilen praktiziert. Der stellvertretende Oberarzt, Tobias Tritschler, erklärt gegenüber der SRF-Sendung «10vor10», die Liste diene als Erinnerung: «Die darauf genannten Behandlungen mögen trivial erscheinen. Sie werden jedoch immer noch zu häufig – auch aus Routine oder Gewohnheit – durchgeführt».

Zwei Ärzte stehen an einem Krankenbett.
Legende: Gerade Beruhigungs- und Schlafmittel für ältere Menschen gelten als «unnötig». Keystone

Die Liste sei «keine Sensation», sagt dazu der Gesundheitsökonom und Versorgungsexperte an der ZHAW in Winterthur, Klaus Eichler: «Die auf der Liste aufgeführten Behandlungen sind medizinisch weitgehend unumstritten.» Die Wirksamkeit müsse sich erst zeigen. Wichtig sei, dass diese überprüft würde. Das Problem solcher Listen sei oftmals, dass sie von den praktizierenden Ärzten nicht umgesetzt würden oder finanzielle Fehlanreize bestünden, die die Verhinderung der Überversorgung verhinderten. Zudem bestünden auch Patienten auf gewissen unnötigen Behandlungen.

Weniger Schlafmittel für ältere Menschen

Dennoch verordnen sich die Allgemein- und Innenmediziner der Schweiz nun eine «schwarze Liste für den Spitalbereich. Unter Punkt 4 und 5 hält diese fest, dass ältere Menschen weniger lang im Bett liegen gelassen und ihnen weniger Schlaf- und Beruhigungsmedikamente verabreicht werden sollen.

Das heisst: Ältere Menschen müssen intensiver betreut und bewegt werden. Insbesondere diese Massnahmen bedeuteten Mehrarbeit für die Pflege, kritisiert Helena Zaugg vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen- und Pflegefachmänner (SBK). Zaugg begrüsst die Liste grundsätzlich, sagt aber: «Wir wurden nicht über diese ins Bild gesetzt. Wir fordern aber, dass die Pflege mitreden kann, wenn es darum geht, welche Massnahmen künftig wie umgesetzt werden», erklärt Zaugg bei «10vor10».

Die Top-5-Liste für den Spitalbereich soll morgen am Ärztekongress der SGAIM in Basel vorgestellt werden. Mit dieser zweiten Liste will die Fachgesellschaft die Diskussion über eine «smartere» Medizin in der Schweiz ausweiten und vertiefen. Vor zwei Jahren hatte die SGAIM bereits die Liste für den ambulanten Bereich präsentiert. Über deren Wirksamkeit ist wenig bekannt.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Da muss ich opponieren. Ich finde, solche Routineuntersuchungen werden noch VIEL ZU WENIG eingesetzt. Würden sie noch breiter eingetetzt, würden sie billiger (die Pflicht der Krankenkassen, hier Druck zu machen, sollte man nicht vergessen). Andrerseits könnten tonnenweise unnötige Arzt-Wiederholungsbesuche („chömed Sie doch innere Wuche nomal“) vermieden werden, Unter dem Strich würde durch gescheite sofortige Tiefendiagnostik die Ganze Sache billiger!
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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Da muss ich die Augenklinik Luzern loben. Vor einem halben Jahr musste ich mich einer Augenoperation unterziehen lassen (2 bis 3 Tage stationär). Da meine, vom Hausarzt untersuchten Werte tip top waren, verzichtete man auf die obligate Beruhighjngstablette vor der OP. Es funktionierte tatsächlich ohne. Man verabreiche sie nur noch, wenn der Patient nervös sei, oder die Blutdruckwerte etc. nicht optimal seien.
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  • Kommentar von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
    Der Verzicht auf Schlaf- und Beruhigungsmittel würde den Aufwand massiv erhöhen. Natürlich ist es besser mit einem Pfleger eine Stunde spazierenzugehen, kostet aber das 30-fache einer Schlaftablette. Logisch dass die Bewegungstherapeuten auch vom System profitieren wollen.
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    1. Antwort von Mi We (miee)
      Naja, wenn die Patienten unter Schlafmitteln zum WC torkeln und sich bei einem Sturz ne subkapitale Humerusfraktur oder eine Schenkelhalsfraktur zuziehen, bin ich nicht sicher, dass die Schlaftablette günstiger kommt. Ausserdem gibt es Studien, die bei Einnahme von Schlaftabletten ein um 54% erhöhtes Risiko an einer Pneuminie zu erkranken, voraussagen. Auch das wird nicht günstiger als die Schlaftablette!
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