Schweizer Einstieg in den Atomausstieg beginnt

Zum ersten Mal wird in der Schweiz ein Atomkraftwerk stillgelegt, oder zumindest der erste Schritt getan: Der Energiekonzern BKW veröffentlicht heute Montag sein Gesuch um Stilllegung des AKW Mühleberg. Auch soll darüber informiert werden, wie man sich die letzten Jahre des Werks vorstellt.

AKW Mühleberg

Bildlegende: Das AKW Mühleberg soll 2019 endgültig vom Netz gehen. Der Fahrplan dazu wird heute vorgestellt. Keystone

Im Jahr 2019 sollen im AKW Mühleberg die Lichter ausgehen. Damit endet hier zumindest die atomare Geschichte, die in den 50er-Jahren euphorisch begonnen hatte.

Wenn der mächtigste Mann der Welt über die vermeintlich stärkste Energiequelle spricht, dann klingt das so: Atomkraft, so entsetzlich sie auch als Waffe sei, könne der ganzen Menschheit einen Boom bescheren. Das sagt der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower 1953, im Nacken noch die Atombombenabwürfe über Japan, im Blick schon riesige Stromvorräte.

«Nur Atomenergie kommt hier in Frage»

1956 hat die Euphorie längst die Schweiz erreicht. Der Physiker Paul Scherrer kann sich eine Welt ohne Atomkraftwerke gar nicht mehr vorstellen: «1975 werden alle vorhandenen Wasserkräfte nutzbar gemacht sein. Dann wird es nötig, dass wir uns nach anderen Energiequellen umsehen. Es ist sicher, dass hier nur die Atomenergie in Frage kommt.»

In den 70er-Jahren schliesslich ist Paul Scherrers Vision Wirklichkeit. In der Schweiz stehen mehrere Atomkraftwerke. Doch Bundespräsident Roger Bonvin will noch viele mehr bauen: «Wir müssen jetzt Kaiseraugst, Leibstadt, Gösgen, Graben, Rüthi, Verbois anfangen zu bauen – das sind die sechs Projekte, die wir jetzt auf dem Tisch haben. Neben Beznau 1 und Beznau 2 und Mühleberg.»

Auch Linke einst pro Kernenergie

Und auch linke Politiker, heute entschiedene Gegner der Atomkraft, sind begeistert. So zum Beispiel SP-Bundesrat Willi Ritschard: «Ich habe Vertrauen in die Atomtechnik. Weil wahrscheinlich noch nie in der Geschichte der technischen Entwicklung so viel für die Sicherheit aufgewendet wurde und weiterhin aufgewendet wird.»

Das sagt er 1978. Ein Jahr später schmilzt der Reaktorkern im amerikanischen AKW Harrisburg. 1986 folgt die nukleare Katastrophe von Tschernobyl.

Jetzt bekommen viele Schweizer Politiker Zweifel, jetzt stellt CVP-Nationalrätin Judith Stamm eine wichtige Frage: «Es läuft mir kalt über den Rücken, wenn ich höre, dass wir nicht mehr aussteigen können. Sind wir denn bereits an die Kernenergie versklavt?»

Leuthard: «Wir schaffen das»

Nein, Frau Stamm: 2011 beschliesst Bundesrätin Doris Leuthard, dass Schluss ist mit Atomkraft in der Schweiz. Nach dem nuklearen Unfall von Fukushima soll es keine neuen AKW mehr geben, und die alten müssen irgendwann in den nächsten Jahrzehnten vom Netz. «Wir können das, wir schaffen das. Aber wir müssen uns erst auf den Weg machen.»

Auf den Weg gemacht hat sich als erster der Energiekonzern BKW, er schaltet sein AKW Mühleberg 2019 ab. Der Anfang vom Ende der einst strahlenden Schweizer Atomkraft.

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