Selbstversorgung – zu welchem Preis?

Die Ernährungssicherheit wird die Politik schon bald intensiv beschäftigen. Der Bauernverband hat eine Volksinitiative zu diesem Thema eingereicht. Doch kann und soll die Schweizer Landwirtschaft unsere Versorgung überhaupt sicherstellen?

Grüne Plastikpaletten voller weisser Eier.

Bildlegende: Die Schweiz könnte sich im Falle einer Grenzschliessung keine Legehennen mehr leisten. Keystone

Der Agronom Eric Meili aus dem zürcherischen Bubikon ist ein Pionier in der Biolandwirtschaft. Der umtriebige 62-Jährige unterstützt als Berater Landwirtschaftsprojekte im In- und Ausland und produziert mit seiner Mutterkuhherde auch selber Rindfleisch aus reiner Weidehaltung.

Seine Sicht auf das Thema Ernährungssicherheit erläutert er mit einem hypothetischen Szenario: Die Grenzen sind zu, die Schweiz kann nichts mehr importieren und müsste sich selbst versorgen. «Das Allererste, was wir machen würden, wäre, alle Schweine, Poulets und Legehennen zu schlachten. Für sie gäbe es dann kein Futter mehr, erklärt Meili. «Weil das Getreide, das wir dann noch in der Schweiz hätten, für die menschliche Ernährung zur Verfügung stehen müsste.»

Nutztiere konkurrenzieren den Menschen

Die aktuelle Situation ist glücklicherweise weniger dramatisch, schliesslich sind die Grenzen für Importe noch offen. Aber Meili will mit seinem Beispiel auf einen wunden Punkt aufmerksam machen. Denn Schweizer Nutztiere – gerade Schweine und Hühner – werden mit grossen Mengen von importiertem Futter gemästet – vor allem mit Getreide und Soja. «Hochleistungsschweine und -hühner brauchen qualitativ hochwertigstes Futter. Das ist eine reine Konkurrenz zur menschlichen Ernährung.»

Meili hält es für ethisch fragwürdig, wenn man Ackerflächen braucht, um im grossen Stil Tierfutter anzupflanzen. Dies, obwohl dies heute die Realität in der Agrarwirtschaft ist. Er fände es vernünftiger, auf Wiederkäuer zu setzen; in erster Linie auf Rinder, in zweiter Linie auf Schafe und Ziegen. Denn: «Ein Wiederkäuer kann ohne Kraftfutter und ohne Mais sehr gut überleben.» Das sei auch ökologischer und sinnvoller.

Rind- statt Schweinefleisch – oder gar keines

Allerdings: In der Schweiz erhalten auch die meisten Rinder zusätzliches Mastfutter. Und was noch mehr ins Gewicht fällt: Die Schweizer essen ohnehin in viel grösserer Menge Schweinefleisch und Poulet. Rindfleisch ist weniger populär.
Für eine nachhaltigere Ernährung, auch im Sinne der Nahrungsmittelsicherheit, sollten die Leute also weniger Fleisch, und vor allem anderes Fleisch essen.

In einer freien Gesellschaft kann die Politik den Menschen aber nicht vorschreiben, was sie essen sollen. Und doch wird das Thema Ernährungssicherheit bald auch die Politik beschäftigen: Die Volksinitiative des Bauernverbandes verlangt, dass die Versorgung der Bevölkerung aus einheimischer Produktion gestärkt wird. Denn der Selbstversorgungsgrad ist in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen.

Wachsende Bevölkerung, wachsende Abhängigkeit

Diesen Prozess will Bauernverbandspräsident Markus Ritter stoppen: «Für uns ist es sehr wichtig, dass wir gerade auch im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum den Stand der Versorgung und Ernährung der Bevölkerung mindestens halten können. Wir haben jedes Jahr 80'000 bis 100'000 Menschen mehr zu versorgen.»

Doch selbst wenn die Initiative angenommen wird, ist klar: Die Schweiz bleibt auf absehbare Zeit auf den Import von Nahrungs- und Futtermitteln angewiesen.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Bundespräsident Johann Schneider-Ammann.

    Im Tagesgespräch: Bundespräsident Johann Schneider-Ammann

    Aus Rendez-vous vom 15.2.2016

    Als Folge des starken Frankens mehren sich die Hiobs-Botschaften aus der Schweizer Wirtschaft. Was kann man tun, um die Abwanderung oder den Verkauf von Unternehmen zu bremsen? Was kann der Staat tun? Bundespräsident Johann Schneider-Ammann ist Gast von Iwan Lieberherr.