Organspende: Nationalrat gegen Widerspruchslösung

Die grosse Kammer war sich einig: Es braucht mehr Spenderorgane in der Schweiz. Doch eine Frage erwies sich als Knackpunkt: Sollen diese auf explizite Zustimmung hin entnommen werden – oder nur auf expliziten Widerspruch hin eben nicht? Der Nationalrat stellte sich hinter den Bundesrat.

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Die Organspenden-Debatte

1:29 min, aus Tagesschau am Mittag vom 5.3.2015

In der Debatte des Nationalrats wurde schnell klar: Das Thema Organspende ist ein schwieriges. Die Entscheidung für Angehörige ist nicht leicht, die Entscheidung für einen selbst ebenso wenig: Die Beschäftigung mit dem Tod und damit, was danach mit dem Körper geschehen soll, ist unangenehm.

Dass in der Schweiz ein hoher Bedarf an Spenderorganen besteht, war in der grossen Kammer relativ klarer Konsens. Auch die Verbesserungen des Transplantationsgesetzes wurden begrüsst. Als Knackpunkt stellte sich wie erwartet die sogenannte «Widerspruchslösung» heraus, die von einer Minderheit im Nationalrat unterstützt wurde.

«Gap zwischen Angebot und Nachfrage»

Diese hätte bei der Organentnahme nach dem Tod einen Paradigmenwechsel bedeutet: Neu hätten sich eine Person oder ihre Angehörigen explizit gegen eine Entnahme aussprechen müssen. Die Mehrheit stand hingegen von Anfang an hinter dem Grundsatz, dass ein möglicher Organspender oder seine Angehörigen ausdrücklich die Zustimmung zur Organentnahme geben müssen.

Die Befürworter der Widerspruchslösung argumentierten, dass mit einer solchen Regelung Leben gerettet werden könnten. Man appellierte an die Solidarität – und daran, dass jeder womöglich einmal auf ein gespendetes Organ angewiesen sein könnte. «Es gibt einen Gap zwischen Nachfrage und Angebot. Und dieser Gap wird nicht kleiner, sondern grösser», sagte Daniel Stolz (FDP/BS).

Organspendeausweis

Bildlegende: Organspendeausweis: Heute ist es möglich, sich explizit für oder gegen eine Organentnahme auszusprechen. Keystone

Menschen als «Ersatzteillager»?

Man müsse sich fragen, ob die Gesellschaft wirklich einen Anspruch auf Organe habe, meinte hingegen Christian Lohr (CVP/TG). Er warnte davor, dass Menschen bei einem falschen Verständnis als «Ersatzteillager» für andere Menschen angesehen werden könnten.

Es zeigte sich, dass bei gewissen ethischen Fragen die simple Einteilung der Grossen Kammer in «links» oder «rechts» zu kurz greift. Schlussendlich überwogen ethische Überlegungen hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechts.

Bereits bestehende Strukturen verbessern

Auch der neue, bereits lancierte Aktionsplan des Bundesrates überzeugte offenbar die Parlamentarier: Es sei besser, bei den bereits bestehenden Strukturen anzusetzen, sagte Marina Carobbio (SP/TI).

Man könne die Ausbildung der Fachkräfte und die Information der Bevölkerung verbessern. Mit solchen Massnahmen seien in anderen Ländern gute Resultate erzielt worden, sagten mehrere Nationalräte. Die Widerspruchslösung alleine hingegen habe nirgends zu einer höheren Spenderquote geführt. Auch Bundesrat Alain Berset bekräftigte diese Haltung.

So hat der Nationalrat mit 107 zu 67 bei vier Enthaltungen dem Standpunkt des Bundesrates und der Teilrevision des Gesetzes zugestimmt – und sich gegen einen radikalen Systemwechsel im Transplantationswesen entschieden.

CH Organspende in der Schweiz 2014 warten 1370 Personen auf ein Spenderorgan. Doch nur 117 willige Spender sind in diesem Jahr gestorben. Ein Überblick über die vergangenen sechs Jahre. Swisstransplant

Organspende-Mangel

In der Schweiz kamen im letzten Jahr auf eine Million Einwohner gerade einmal 14,4 Spender, wie die Stiftung Siwsstransplant im Januar bekannt gab. Die Spenderrate liege damit im untersten Drittel Europas. Allein im Jahr 2014 starben pro Woche zwei Personen, die vergeblich auf ein Organ gewartet hatten.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Ein Spenderherz wird in einen Operationssaal geliefert. Weil es zu wenig Organe gibt, sterben in der Schweiz jedes Jahr Dutzende Menschen. Vergleicht man die Schweizer Zahlen mit denen im europäischen Ausland, wird klar: In der Schweiz werden wenig Organe gespendet.

    Transplantationsgesetz - hin zur Widerspruchslösung?

    Aus Rendez-vous vom 5.3.2015

    Das Herz oder die Niere von Unfallopfern könnten Leben retten. Bis jetzt aber nur, wenn eine Organentnahme zu Lebzeiten ausdrücklich erlaubt wurde. Der Nationalrat diskutiert einen Systemwechsel, hin zur Widerspruchslösung: Wer keine Organspende will, müsste dies künftig deklarieren.

    Der Ständerat hat das im November 2013 abgelehnt.

    Géraldine Eicher