Zweiter Anlauf für Widerspruchslösung bei Organspende

In der Schweiz herrscht Notstand bei lebenswichtigen Organen. Im Nationalrat wird zum zweiten Mal über einen Systemwechsel debattiert. Knackpunkt bleibt aber vor allem der Ständerat.

CH Organspende in der Schweiz 2014 warten 1370 Personen auf ein Spenderorgan. Doch nur 117 willige Spender sind in diesem Jahr gestorben. Ein Überblick über die vergangenen sechs Jahre.

In der Schweiz sterben jede Woche durchschnittlich zwei Patienten, die vergebens auf ein neues Organ gewartet haben. Das Gefälle zwischen «Angebot» und «Nachfrage» ist immens. 2014 warteten 1370 Personen auf ein Herz, eine Lunge oder eine Leber. Ihnen stehen lediglich 117 Spender gegenüber, die vergangenes Jahr gemeldet wurden.

Ein Teil dieses Problems liegt in der bisherigen Zustimmungslösung: Rettungskräfte können bei einem Sterbenden nur dann die Organe entwenden, wenn bei diesem eine Spenderkarte im Portemonnaie lag oder eine Spender-App auf dem Handy installiert wurde.

Emotionale Diskussion

Zu einem Paradigmenwechsel hätte die sogenannte Widerspruchslösung geführt. Diese würde alle Sterbenden zu potentiellen Organspendern machen – ausser es liegt eine ausdrückliche Ablehnung vor. 2013 hat der Nationalrat diesem Anliegen zugestimmt. Eine Abfuhr kam dann allerdings aus der kleinen Kammer.

In beiden Räten wurde die Diskussion heftig und emotional geführt. Felix Gutzwiller (FDP/ZH) sprach damals vor einer neuen gesellschaftlichen Norm, die eingeführt werden müsse: «Zu nehmen, aber nicht zu geben, das funktioniert nicht.» Andere Politiker wollten bei diesem ethisch heiklen Thema keinen Automatismus einführen. Jeder Mensch soll ausdrücklich der Transplantation seiner Organe zustimmen.

Doch der Notstand in den Spitälern wird immer grösser. In den zwei Jahren, die seit der Abstimmung verstrichen sind, hat sich die Lage noch weiter verschärft.


BAG: «Die Spenderzahlen sind nur minimal gestiegen»

4:58 min, aus SRF 4 News aktuell vom 05.03.2015

Wenig Chancen für ein Ja in beiden Kammern

Nun soll im Parlament ein zweiter Versuch gestartet werden. Ein parteiübergreifender Bund von Mitstreitern will vor allem der Ablehnung im Ständerat begegnen. Bei den Mitstreitern handelt es sich um Jacqueline Fehr (SP/ZH), Marina Carobbio (SP/TI), Ignazio Cassis (FDP/TI), Daniel Stolz (FDP/BS) und Jürg Stahl (SVP/ZH).

Die fünf Parlamentarier gehören der gesundheitspolitischen Kommission des Nationalrates (SGK) an, die sich pikanterweise für den Status quo ausgesprochen hat. Die Chancen für einen Gesinnungswandel schätzen die Mitstreiter denn auch als moderat ein. Jürg Stahl, seit 12 Jahren in der SGK-Kommission, will das Gespräch mit den Gegnern der Widerspruchslösung suchen. Viel Hoffnung habe er allerdings nicht, so Stahl im SRF-Gespräch.

Situation im Ausland

In vielen Ländern herrscht schon seit Langem die Widerspruchslösung. In Österreich gilt diese Regelung seit 1982. Die Spenderquote ist doppelt so hoch wie in der Schweiz. Weitere Länder mit der Widerspruchslösung sind unter anderem: Polen, Portugal, Russland, Katar und Belgien. In Israel bereits seit 1953.

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