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Sexarbeit in der Schweiz Kritik an Prostitutionsverbot wird laut

Legende: Video Kontroverse um Prostitutionsverbot abspielen. Laufzeit 02:09 Minuten.
Aus Tagesschau vom 07.07.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ende Juni wurde die Kampagne «Stopp Prostitution» lanciert.
  • Damit will die Frauenzentrale Zürich eine Diskussion anregen und das schwedische Prostitutionsverbot propagieren.
  • Jetzt melden sich Gegner eines Verbots zu Wort: das Gleichstellungsbüro der Stadt Zürich, Amnesty International, die Frauenzentrale Bern oder die Aidshilfe Schweiz.

Andrea Gisler will eine Schweiz ohne Prostitution und ohne Freier. «Prostitution ist ein Verstoss gegen die Menschenwürde», sagt die Präsidentin der Frauenzentrale Zürich. «Prostitution ist sexuelle Gewalt und ein Hindernis auf dem Weg zur Gleichstellung.»

Die Frauenzentrale Zürich kann sich ein Prostitutionsverbot in der Schweiz vorstellen, ebenso wie die Frauenzentrale Aargau oder das Frauennetz Schwyz. Ein Verbot, wie es in Schweden seit 20 Jahren gilt.

Das schwedische Modell

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Wer in Schweden zu einer Prostituierten geht, macht sich strafbar und muss mit Gefängnis rechnen. Auch der Versuch, Sex für Geld zu bekommen, kann bestraft werden. Das Gesetz gilt seit 1999. Seither haben mehrere Länder, darunter Irland oder Frankreich, ähnliche Gesetze verabschiedet. In Schweden melden sich allerdings vermehrt Wissenschaftlerinnen und Frauenrechtlerinnen, die am Verbot zweifeln. Studien zeigten ausserdem, dass die Prostitution wohl in den Untergrund verdrängt wurde, beziehungsweise dass es schwierig sei, das Gewerbe zu überblicken.

Ein Prostitutionsverbot in der Schweiz – das stösst auf breiten Widerstand. Gemäss Recherchen von SRF sprechen sich mehrere Organisationen dagegen aus: die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich oder die Aidshilfe Schweiz. Klar gegen ein Prostitutionsverbot sind ausserdem verschiedene Fachstellen für Sexarbeit. So etwa die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ), die Solothurner Fachstelle Lysistrada oder die Xenia im Kanton Bern.

Auch Anja Derungs von der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich sieht ein Verbot kritisch. Sie sagt: «Gleiche Rechte für alle: Sexarbeit ist eine Arbeit, und soll so behandelt werden.» Eine Sexarbeiterin solle selbst entscheiden, ob und wie sie dieses Gewerbe ausüben wolle. «Das sollen nicht andere für sie entscheiden», so Derungs.

Auch Daniel Seiler, Geschäftsführer der Aidshilfe-Schweiz, steht einem Prostitutionsverbot ablehnend gegenüber: «Sexarbeit ist das älteste Gewerbe. Mit einem Verbot wird es nicht verschwinden.» Es werde aber in die Illegalität abrutschen und das öffne Tür und Tor für eine Ausbeutung, die stärker sei als jetzt.

Symbolbild aus einem Erotikstudio
Legende: Prostitution verbieten oder nicht? Die Frauenzentrale Zürich ist dafür, anderen Organsationen sind dagegen (Symbolbild). Bähram Alagheband/SRF

Gegenwind gibt es ausserdem von einer weiteren Frauenzentrale, derjenigen in Bern. Auf Anfrage heisst es, «die Frauenzentrale Bern lehnt die Stossrichtung der Frauenzentrale Zürich in Richtung schwedisches Modell ab». Man sehe es als Aufgabe, den Frauen zu helfen statt, sie mit einem Prostitutionsverbot in die Illegalität zu treiben.

Zürcher Frauenzentrale will Grundlagendebatte anregen

Andrea Gisler von der Frauenzentrale Zürich sagt, sie wünsche sich eine stärkere gesellschaftliche Grundlagendebatte zum Thema Prostitution. Dann könne man entscheiden, wie man damit am besten umgehe. Eine optimale Lösung habe auch sie nicht parat. Das schwedische Modell der Freierbestrafung sei aber definitiv besser als das aktuelle in der Schweiz. Hier ist Sexarbeit legal; in einzelnen Kantonen wird sie in Gesetzen geregelt.

Die Schweizer Behörden hatten sich 2015 mit dem Thema Prostitution auseinandergesetzt. Dabei untersuchte eine Expertengruppe auch das schwedische Modell. Mit dabei waren Vertreter und Vertreterinnen aus Bund, Kantonen, Gewerkschaften und Beratungsstellen. Diese waren sich einig, dass ein Prostitutionsverbot kontraproduktiv wäre.

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74 Kommentare

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  • Kommentar von Mario Atreb (Oiram)
    Die abgrundtief billige, beschämende, frauenverachtende Ausrede, dass es ja das älteste "Gewerbe" sei, beweist nur, wie lange schon Kinder (vor allem Mädchen) sexueller Gewalt ausgeliefert sind und wie lange man schon davor die Augen verschliesst und die stummen Schreie der Kinder nicht hören will! Mit dem anscheinend „ältesten Gewerbe“ zu argumentieren ist so dumm und menschenverachtend, wie der Papst, der öffentlich verkündet hat, Kinder zu schlagen sei okay, solange es in Würde geschieht.
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  • Kommentar von Mario Atreb (Oiram)
    2. Teil: was natürlich auch auf entsprechende Kindheitserfahrungen zurückzuführen ist. Prostituierte wie Freier sollten die Wahrheit kennen und sich beraten bzw. therapieren lassen. Schonungslose Aufklärung wird mehr bringen als ein Verbot. Männer werden dann aus Scham keine Frauen mehr aufsuchen, um sie für 100 Fr. zu vergewaltigen.
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  • Kommentar von Mario Atreb (Oiram)
    1. Teil: Wieso kommt es überhaupt dazu, dass es Frauen gibt, die Sex für Geld anbieten? Ich behaupte, KEINE macht es freiwillig! Nebst den offensichtlich dazu Gezwungenen haben alle schon als Kind die Erfahrung von sexuellen Übergriffen machen müssen! Das muss endlich ins öffentliche Bewusstsein, denn keine Frau bietet ihren Körper freiwillig gegen Geld an! Männer reden sich das nur ein zur Gewissensberuhigung und auch nur solche, die eine gestörte Beziehung zu Frauen haben...,
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