Sieht man bald vor lauter Hirschen den Wald nicht mehr?

Unsere Wälder haben ein Problem: den Rothirsch. So zumindest sehen es viele Waldbesitzer. Im 19. Jahrhundert beinahe ausgerottet, ist der Paarhufer heute gewaltig auf dem Vormarsch – und hinterlässt dabei «Schälschäden». Was das sind und was zu tun ist, erklärt einer der obersten Jäger.

Rothirsche auf einem Feld am Waldrand.

Bildlegende: Alles ganz harmlos? Förster und Waldbesitzer sind anderer Meinung. Keystone

Er streift kraftstrotzend durchs Geäst, röhrt mit bebendem Bass durch die Tiefen des Waldes, und verschwindet, sobald der Jäger auf seinem Hochsitz die Thermoskanne aufschraubt. Dieses unverfängliche Bild des «Königs des Waldes» mag manchen Städter umtreiben.

In ländlicheren Regionen beschäftigt Landwirte und Waldbesitzer ein weniger erbauliches Bild: Ganze Herden zertrampeln fruchtbare Anbauflächen; einmal zurück im Wald, knabbert das Rotwild an Bäumen. Besonders begehrt sind zarte Triebe von Jungbäumen, aber auch ganze Rindenstücke von stämmigen Fichten, Tannen und Buchen.

«Die Relationen müssen gewahrt werden»

Die Vorwürfe wiegen schwer. Und auch Hanspeter Egli, Präsident des Verbands Jagd Schweiz, kann sie nur bedingt entkräften. «In manchen Regionen sind die Schäden im Forst erheblich», sagt er. «Schälschäden» nennt das der Fachmann, und sie bringen Förster um die jahrelange Pflege der Waldbestände – und die Erträge. Denn die angeknabberten Baumstämme sind Einfallstor für Fäulepilze, die Holzernte kann stark beeinträchtigt werden.

Doch Egli relativiert, denn nicht überall sei das Problem virulent: «Im Kanton St. Gallen etwa hat man trotz hoher Wilddichte Schäden im tragbaren Rahmen.» Es komme natürlich auch auf den einzelnen Förster an, sagt Egli. Denn oft werde auch etwas übertrieben: «Es gibt Förster, die das Gefühl haben, dass jeder Baum, der geschält ist, eine Katastrophe ist.» Man müsse die Schäden aber in Relation zum Gesamtbestand des Waldes sehen.

Spektakulärer Rückereroberungsfeldzug

Dass der Rothirsch je wieder zum überregionalen «Problem» wird, war lange undenkbar. Vor 150 Jahren waren die Paarhufer seltene Gäste in Schweizer Wäldern. Durch massive Bejagung und «Waldraub» durch den Menschen wurde er beinahe ausgerottet. Doch diese Zeiten sind lang passé: Seit Jahrzehnten vermehrt sich das Rotwild prächtig. «Es gibt Regionen, in denen die Bestände stark zugenommen haben. Sie breiten sich sogar in Gebiete aus, wo bisher keine Hirsche heimisch waren», sagt Jäger Egli.


Jäger Hanspeter Egli zum «Problemhirsch»

4:30 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.10.2015

In der Brust von Umweltschützern schlagen derweil zwei Herzen: Ungebremste Vermehrung auf Kosten der Waldbestände, oder gesündere Wälder, dafür eine stärkere Regulierung der Wildbestände? So fordern mittlerweile nicht nur Schiesswütige: Die Abschusszahlen müssen strikt eingehalten werden – was nicht überall geschieht.

«Wo notwendig, muss die Möglichkeit zu Jagen angepasst werden. Sonst bringt man die Tiere nicht auf den Boden», findet auch Egli. Denn in Kantonen mit verlängerten Jagdzeiten würden die Abschusszahlen eher erreicht als in anderen. Manche Kantone haben bereits reagiert und erlauben eine Sonderjagd auf die Tiere; denn vielerorts geht die Jagd in diesen Tagen zu Ende.

Jäger mit Herz für den Rothirsch

Grundsätzlich bricht Jäger Egli aber eine Lanze für das Rotwild. Er findet es positiv, dass das heimische Wild wieder an Orten anzutreffen ist, wo es einmal ausgerottet war: «Es ist nur natürlich, dass diese Hirsche auch wieder zurückkehren.» Und die Politik der Schweiz und auch der Jäger sei: «Wir treten ein für Artenvielfalt.»

Doch Egli ist nicht nur Hirschfreund, sondern auch Vollblutjäger. Als solcher gibt er abschliessend Einblick in die praktischen Tücken der Regulierung des Wildbestandes: «Wenn man einen Hirsch vor sich hat, ist es nicht schwierig. Aber es braucht viel Zeit. Man geht vielleicht zehnmal auf einen Ansitz; und es klappt erst beim elften Mal.»

Gesetz sieht Entschädigung vor

Zumindest theoretisch können Waldeigentümer Vergütungen für Schäden geltend machen. «Der Schaden, den jagdbare Tiere an Wald, landwirtschaftlichen Kulturen und Nutztieren anrichten, wird angemessen entschädigt», steht im Eidgenössischen Jagdgesetz. Die Praxis zeige aber, dass Waldeigentümer die Schäden oft selber tragen müssen, monieren Experten.