Zum Inhalt springen
Inhalt

Sion 2026 «Die Kosten werden deutlich unterschätzt»

Teuer, nicht zielorientiert, nicht nachhaltig: Martin Müller, Experte für Sport-Grossanlässe, glaubt nicht an Sion 2026.

Martin Müller spricht an einer Konferenz
Legende: Martin Müller ist Professor für Humangeographie und Experte für Sport-Grossanlässe. Akademischer Sportverband Zürich/Adrian Villiger

SRF News: Wie gross sind die Chancen, dass es 2026 tatsächlich Olympische Winterspiele in Sion gibt?

Martin Müller: Ich bin da eher skeptisch. Alle Volksentscheide zu Olympischen Spiele in westlichen Ländern waren in den letzten Jahren negativ – egal ob Sommerspiele oder Winterspiele. Skeptisch macht mich zudem das Finanzierungskonzept: Die Kosten für Winterspiele in der Schweiz wurden meiner Meinung nach deutlich unterschätzt.

Waren die Kosten bisher immer höher?

Im Moment ist im Schweizer Konzept von zwei Milliarden Franken die Rede. Wenn man die Winterspiele der letzten 20 Jahre anschaut, wäre das sensationell günstig. Vancouver 2010 ist ein gutes Referenzbeispiel, es hat zwischen sechs und sieben Milliarden gekostet. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Kosten in Sion so tief gehalten werden können.

Jürg Stahl, der Präsident von Swiss Olympic sagte, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich in dieser Frage bewegt habe. Man wisse beim IOC inzwischen, dass Spiele nur noch in einem «vernünftigen und akzeptablen Rahmen durchgeführt» werden können. Würden Sie dem zustimmen?

Nein. Wenn man das IOC anschaut, gibt es seit langem Reformbestrebungen, sie haben bereits in den 90er Jahren angefangen. Man hat damals schon gesehen, dass die Grösse der Spiele aus dem Rahmen läuft. Vor kurzem hat man die Agenda 2020 verabschiedet. Sie verspricht ein paar Schritte, die sind aber eher kosmetischer Art. Wenn man schaut, was passiert ist, klaffen Rhetorik und Entwicklung weit auseinander. Das IOC hat es nicht geschafft, die Spiele kleiner zu halten oder kleiner zu machen. Deswegen sehe ich nicht, dass tatsächlich etwas passiert.

Woran sieht man das?

Die Austragungsorte für Olympische Spiele sind etwa Sotschi 2014, Rio 2016 oder auch Peking 2022. Sie alle hatten keine Konzepte, die Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen.

Die Sportelite verspricht Dinge, die das Volk nicht glauben will.
Autor: Martin MüllerExperte für Sport-Grossanlässe

Was müsste passieren, dass Reformen beim IOC greifen?

Man hat gesehen, dass das IOC selbst nicht fähig ist, die Reformen umzusetzen. Meiner Ansicht nach müssten sich Länder und Städte, die die Spiele ausrichten, zusammenschliessen und die Bedingungen neu verhandeln. Sie leiden ja auch darunter. Die erfolgreichsten Spiele der letzten Jahre waren die Sommerspiele von Los Angeles 1984. Sie waren so erfolgreich, weil Los Angeles der einzige Bewerber war und deshalb besonders gute Bedingungen mit dem IOC aushandeln konnte. Letztendlich müsste etwas Ähnliches wieder passieren, damit sich etwas Fundamentales ändert.

Wenn es das Ziel ist, Touristen anzuziehen, muss man nicht unbedingt Olympische Spiele ausrichten, sondern kann das viel günstiger mit konkreten Massnahmen erzielen.
Autor: Martin MüllerExperte für Sport-Grossanlässe

Die Walliser Bevölkerung ist misstrauisch gegenüber der Spiele. Woher kommt das?

Ich denke, man hat im Volk sehr gut gesehen, dass das IOC sehr lange Dinge versprochen hat, die es nicht halten konnte. Das ist ein generelles Problem des IOC. Die Rhetorik steht auf der einen Seite, was umgesetzt wird auf der anderen. Bei den letzten Volksentscheiden in verschiedenen europäischen Ländern konnte man gut beobachten, dass die Sportelite Dinge verspricht, die das Volk nicht glauben will. Volksentscheide sind eine wichtige Korrektur, um solche Dinge auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Den positiven Effekt auf den Tourismus, den die Olympischen Spiele ausüben, kann man aber auch nicht ganz weg reden.

Natürlich gibt es Effekte. Wenn man mehrere Milliarden Schweizerfranken investieren würde und gar keinen Effekt erzielen würde, wäre das schon sehr seltsam. Wenn es das Ziel ist, Touristen anzuziehen, muss man nicht unbedingt Olympische Spiele ausrichten, sondern kann das viel günstiger mit konkreten Massnahmen erzielen – beispielsweise mit einer Werbekampagne oder einem Investitionsprogramm in die Tourismus-Infrastruktur. Es wird oft versprochen, dass die Olympischen Spiele alles Mögliche sind. Wirtschaftskonjunkturprogramm, Werbekampagne und so weiter. Man muss sich aber eingestehen, dass sie vor allem eines sind: ein grosses Fest für den internationalen Sport. Wenn man andere Ziele erreichen will, investiert man besser in Anderes.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Martin Müller

Martin Müller ist Professor für Humangeographie und Experte für Sport-Grossanlässe.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Thomas Heimberg (tomfly)
    Wir haben genug Touristen, Verkehr mit Auto, Bussen und Flieger, Bauwirtschaft und auf jedes Högerchen eine Hochkapazitätsseilbahn. Aber ich sehe, die Tränen, die der Bundesrat jedesmal vergiesst, wie man sparen müsse bei Bildung, Kultur und sozialer Sicherheit wie AHV und IV, sind nichts anderes als Krokodilstränen. Da scheint Geld im Überfluss vorhanden zu sein. Diese Milliarde könnte der BR doch mal in den AHV-Topf werfen?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Das ist doch einfach nur eine "Zwängerei". Alle paar Jahre versuchen es ein paar "Wirtschaftsturbos" der Schweiz eine Olympiade aufzubrummen. Diese Leute scheinen nichts zu lernen. Die Schweiz ist viel zu klein und ein so grosser Anlass kann sich nur negativ auf die Bevölkerung auswirken. Natürlich für diejenigen die "Kasse" machen würden, wär das positiv. Also ich hoffe auf jeden Fall, dass die Schweizer aufmerksam genug sind und sich bei jeder Gelegenheit gegen diese "Vorhaben" zu wehren.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marlies Artho (marlies artho)
    Man sah was für eine Nachhaltigkeit in den Orten übrig geblieben ist.Leere Gebäude verwaiste Strukturen,da nicht mehr finanzierbar um aufrecht zu erhalten. Zu den Kosten die sind gar nicht vorhersehbar, erstens kommt es anders, zweitens als man denk. Ob diese Zahlen wirklich haltbar sind, oder kommen nachher ausreden, man habe dies und jenes noch berücksichtigen müssen. Nein, es braucht bestimmt kein so grosser Event, der Natur zu liebe. Es wurde schon vieles durch Überbauung zu Nichte gemacht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen