Sonnentempler: Vom Esoterik-Zirkel zur Todessekte

Zum Zeitpunkt der Tragödie um die Sonnentempler zählte die Sekte mehrere hundert Mitglieder. Ihre Ergebenheit und Sehnsucht nach Wundern war offenbar so übermächtig, dass sie selbst auf billige Tricks des Sektenführers Joseph «Jo» Di Mambro hereinfielen.

Was mit esoterischen Zirkeln begann, endete mit einer Katastrophe: Am 5. Oktober 1994 starben insgesamt 53 Mitglieder der Sonnentempler in der Westschweiz und in Kanada bei einem Massenexit. Menschen, die sich mit ihrer abstrusen Ideologie auf eine endgültige Reise in ein besseres Leben begeben wollten – zum Planeten Sirius.

Gemüsebauern für eine friedlichere Welt

Zu Gründungszeiten der Sekte standen Vorträge im Zentrum, die der belgische Heilpraktiker Luc Jouret in den 1980er-Jahren hielt. Im ganzen französischen Sprachraum, auch in der Westschweiz, zog er Menschen in den Bann, die der Esoterik zugänglich waren und die Apokalypse fürchteten.

Jouret konnte sie motivieren, sich für eine friedlichere und ökologischere Welt einzusetzen. Er begann Strukturen zu schaffen für eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, zusammen mit Jo Di Mambro – einem notorischen Betrüger und Seelenfänger erster Güte.

1989 zählten die Sonnentempler 442 Mitglieder, die meisten davon in Frankreich, Kanada und in der Westschweiz. Der Esoterik-Zirkel war nicht geheim, es gab Medienberichte und Werbespots. Dort zeigten sich Sonnentempler als glückliche Gemüsebauern.

Inszenierte Spezialeffekte

Unbekannt war, dass dies bloss die äussere Schale war. Denn es gab auch einen inneren Kreis, zu dem nur einige Dutzend Menschen zugelassen waren. Jouret und Di Mambro liessen diese Menschen glauben, sie seien Auserwählte und könnten die Apokalypse in «Überlebenszentren» überstehen.

Di Mambro setzte ihnen einen Glaubens-Cocktail vor, für den er altbekannte mystisch-religiöse und esoterische Elemente mixte. Vor allem aber nahm er die Menschen aus, kontrollierte ihr Sozialleben und täuschte sie nach Belieben.

In Kulträumen der Sekte erschien den Gläubigen das Gesicht eines Meisters oder ein schwebendes Schwert, von dem Blut tropfte. Die «Special Effects» arrangierte Di Mambro selber, wie Sektenmitglieder herausfanden. Einige wandten sich darauf von ihm, ab, die meisten folgten ihm weiter blind.

Negativ-Schlagzeilen und finanzielle Probleme

Di Mambro fühlte sich immer mehr von der Welt bedrängt. In Kanada wurden Sonnentempler wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt. Die monatelange Überwachung und die Presseberichte setzten Di Mambro zu. In der Folge gab es Aussteiger, die ihr Geld zurück wollten. «Finanzprobleme sind etwas vom Gefährlichsten für Gemeinschaften - vor allem wenn der Führer wie Di Mambro in Saus und Braus lebt», weiss Sektenexperte Georg Schmid.

All diese Elemente gaben den Sonnentemplern das Gefühl, in einer ihnen feindlich gesinnten Welt zu leben, der man sich entziehen müsse. Die Sektenführer begannen den Abschied von dieser Welt vorzubereiten. Sie nannten das – in bester esoterischer Tradition – den «Transit zum Sirius».

In den letzten Wochen ging alles rasend schnell. Erst liess Di Mambro fünf Menschen in Kanada ermorden, weil ein Sektenpaar seinem Kind einen ihm nicht genehmen Namen gegeben hatte. Dann bereitete er mit Jouret das Drama in Cheiry (FR) und in Granges-sur-Salvan (VS) vor und nahm Dutzende Menschen mit in den Tod.

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Mord oder Suizid?

6:04 min, aus 10vor10 vom 3.10.2014

Wiederholung kaum realistisch

Georg Schmid ist jedoch überzeugt: Ein solches Drama wäre heute in der Schweiz nicht mehr möglich. Das Sektenbewusstsein habe seither stark zugenommen, erklärt der Sektenexperte in der Sendung «10vor10». Demnach würde heute keine Gruppe so weit gehen. «Sie stehen unter Beobachtung und wissen, dass sie auffallen, wenn sie Endzeitbotschaften formulieren. Verwandte und Journalisten würden sofort reagieren.»

Zwar gebe es Gemeinschaften, die ähnlich ticken würden wie die Sonnentempler. Trotzdem werden sie den Weg der Sonnentempler nicht gehen, wie Schmid glaubt. Jedenfalls nicht, solange sie nicht wie diese in eine Krise geraten.