Stasi-Agenten reisten mit Schweizer Pässen

Agenten der DDR-Staatssicherheit reisten jahrelang mit gefälschten Schweizer Pässen und kopierten Identitäten von Schweizer Bürgern ins Ausland. Dies geht aus internen Stasi-Bestellanträgen hervor, welche der Sendung «10vor10» vorliegen. Die Spionageergebnisse waren für die DDR überlebenswichtig.

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Stasi-Spitzel reisten mit Schweizer Pässen

2:53 min, aus 10vor10 vom 7.11.2014

Neben einer grossen Menge an Reisepässen der Bundesrepublik Deutschland nutzte die Stasi für die Reisen ihrer Ausland-Agenten vor allem Schweizer Pässe. Prof. Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat schätzt die Zahl der Schweizer Reisepässe, welche die Stasi zwischen 1949 und 1989 fälschte und benutzte auf über Tausend.

«Dass die Schweizer in geschäftlichen Dingen viel in der Welt unterwegs waren, war bekannt und ein Vorteil», sagt Staadt. Gegen die Schweiz und Schweizer Bürger seien auch keine besonderen Verdächtigungen gehegt worden, denn die Schweiz war neutral. «Dies machte den Schweizer Pass als Schutz für Agenten attraktiv.»

Pass inklusive Identität eines Schweizers

Die Akte «MFH 547» belegt die internen Bestellungen von Schweizer Pässen. 1980 wurde der Auftrag für die Erstellung von 300 Schweizer Pässen an die Fälschungswerkstatt eingereicht. Dazu gab es die interne Weisung für deren Zweckverwendung: «Zur Durchführung einer dienstlich motivierten Ausreise.»

Ausschnitt aus einem DDR-Dokument.

Bildlegende: Die Schweizer Pässe wurde ausdrücklich für die «dienstlich motivierte Ausreise» gefälscht. SRF

Agenten, die mit einem Schweizer Pass reisten, erhielten eine neue Identität – die von real existierenden Schweizer Bürgern. Dabei scheute die Staatssicherheit keinen Aufwand. Sie passte das Aussehen der Agenten dem der Schweizer Bürger an. Die Stasi musste verhindern, dass die Schweizer, deren Identität sie kopierte, gleichzeitig auf Reisen waren. Deshalb liess sie diese Personen in der Schweiz überwachen. Gemäss den Forschungsarbeiten von Jochen Staadt lebten diese Überwacher im Auftrag der Stasi in der Schweiz.

Keine Geldsorgen bei der Spionage

Für das SED-Regime war die Reisetätigkeit der Agenten höchst bedeutend. Die Geschäfts- und Industriegeheimnisse aus dem Westen brachten isolierte Industriewerke voran, und erhielten so die marode DDR-Wirtschaft am Leben. Zudem konnte so das Regime Millionen an Forschungsgeldern einsparen.

Auf der anderen Seite investierte das Regime dafür unverhältnismässig viel in die Fälschungswerkstatt. Staadt beschreibt die dort arbeitenden Personen als hoch spezialisierte Leute, die alle wissenschaftlichen Möglichkeiten hatten, die in der DDR zur Verfügung standen. «Im Unterschied zu anderen Bereichen gab es keinerlei Geldschwierigkeiten, denn dort war für diese Aufgaben alles vorhanden, was man brauchte.»

Die letzte interne Bestellung für Schweizer Pässe datiert vom 28. September 1989. Dieser Auftrag wurde aber nie umgesetzt, weil am 9. November die Mauer fiel – zwei Monate bevor die letzten gültigen Schweizer Pässe der Stasi-Agenten abgelaufen wären.

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