Sterbehilfe für Lebensmüde: Exit verteidigt den Richtungswechsel

460 Menschen hat Exit im letzten Jahr in den Tod begleitet, 100 mehr als noch 2012. Man könnte sagen, Sterbehilfe boomt. Nun will Exit künftig auch Menschen begleiten, die nicht todkrank sind, aber lebensmüde. Darf Exit das? In der «Samstagsrundschau» nahm Exit-Präsidentin Saskia Frei Stellung.

Sterbehilfe in der Schweiz Zahl der Sterbebegleitungen von Exit Exit

Exit hat im letzten Jahr so viele Menschen in den Tod begleitet wie noch nie. Das zeige, sagt Exit-Präsidentin Saskia Frei in der «Samstagsrundschau», dass Sterbehilfe ein Bedürfnis sei. Doch nun will die «Vereinigung für humanes Sterben», wie Exit sich selber nennt, ihr Tätigkeitsfeld ausweiten. Künftig soll Exit auch Menschen in den Tod begleiten, die nicht schwer krank sind, aber trotzdem sterben wollen.

Das könnten zum Beispiel Menschen sein, denen eine Operation bevorstehe und die wüssten, dass sie danach nicht mehr in der Lage sein werden, ihren Haushalt alleine zu bewältigen und deshalb ins Pflegeheim müssten. «Und das sind Leute, die das ihr Leben lang nicht wollten», sagt Frei. Wenn diese Menschen Bilanz über ihr Leben zögen, möchten sie entscheiden können und auf eine möglichst sanfte Art aus dem Leben scheiden. Diese Menschen, so Frei, müssten das Recht haben, selbst über ihr Leben zu entscheiden.

Exit-Präsidentin Saskia Frei

Bildlegende: Verteidigt die geplante Sterbehilfe für Lebensmüde: Exit-Präsidentin Saskia Frei Keystone

Richtungswechsel sorgt für Zündstoff

Dieser Richtungswechsel hat eine Diskussion ausgelöst: Kritiker befürchten, der neue Weg von Exit könnte einen gesellschaftlichen Druck auslösen. Ältere Menschen könnten rascher das Gefühl haben, sie würden anderen zur Last fallen und sollten ihrem Leben deshalb freiwillig ein Ende setzen.

Bereits heute berichten etwa Leiter von Altersheimen, viele ältere Menschen würden sich zunehmend als Kostenfaktor wahrnehmen und mit dem Gedanken eines Suizids beschäftigen.

Saskia Frei ist sich bewusst, dass es ein heikler Bereich ist. Aber sie verteidigt die Neuausrichtung. Und sie ist überzeugt, dass Exit auch mit der nötigen Vorsicht vorgehe: Es dürfe nicht sein, dass Betagte aus einer Laune heraus ihrem Leben ein Ende setzten. «Da müssen wir bei Exit sicher aufpassen, dass wir nicht Leute betreuen, die zum Beispiel nach dem Verlust des Partners vorübergehend in eine Depression gefallen sind.»

Das Schlafmittel Pentobarbital wird von Sterbewilligen eingenommen.

Bildlegende: Das Schlafmittel Pentobarbital wird von Sterbewilligen eingenommen. Keystone

Andere Suizide

Wenn Exit das Angebot ausweitet, schafft dann das Angebot erst die Nachfrage? Wird es insgesamt mehr Suizide geben? Die Exit-Präsidentin glaubt, dass es nicht mehr, aber andere Suizide geben werden. Letztes Jahr hätten sich 2000 Menschen mit einem Sterbenswunsch bei Exit gemeldet. Drei Viertel hätten sich nach der Beratung durch Exit anders entschieden. Exit betreibe also auch Suizid-Prävention. Dennoch: Die Neuausrichtung von Exit dürfte noch für Gesprächsstoff sorgen.

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