SVP: Manager und Akademiker verdrängen Bauern und Gewerbler

Die SVP ist historisch im bäuerlichen, gewerblichen und kleinbürgerlichen Milieu verankert. Echte Unternehmer sitzen jedoch immer weniger in den eigenen Reihen – sie machen zunehmend mehr Akademikern Platz. Daran haben bei der einstigen Bauernpartei nicht alle ihre Freude.

Migros-CEO Bolliger und Bundesrat Maurer sitzen auf einem Strohballen und halten je ein Huhn fest.

Bildlegende: Der Bauernstand und die Gewerbler sind in den SVP-Reihen immer weniger zu sehen. Keystone/Archiv

Der Trend zu mehr Akademikern im Parlament ist quer durch die Parteien eine Tatsache – und macht auch vor der bürgerlichen SVP nicht halt.

Einer, der diesen Wandel besorgt betrachtet, ist alt Bundesrat Adolf Ogi. Er selbst hat es ohne Universitätsabschluss weit gebracht und war gerade deswegen im Volk sehr beliebt. Von «seiner» alten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei sei jedoch immer weniger übrig geblieben. Zwar brauche es den Mix im Parlament. Aber: «Man sollte sich nicht nur auf Akademiker ausrichten. Man muss auch die Gewerbler, die Landwirtschaft und Bürgerinnen und Bürger im Visier behalten – und das hat man wohl vernachlässigt in meiner Partei.»

Wandel in Zürcher SVP

Dieser Strukturwandel fällt besonders bei der Zürcher SVP auf. Wo dereinst Altgediente wie Schreinermeister Toni Bortoluzzi oder Bauer Max Binder das Bild prägten, stehen heute vielmehr PR-Fachfrau Nathalie Rickli, Banker Thomas Matter oder Jurist Gregor Rutz im Zentrum.

Der Präsident der Zürcher Sektion will von einer Akademisierung seiner Partei nichts wissen: «Dieser Vorwurf ist offensichtlich eine Erfindung der Medien», betont Alfred Heer. Als Beleg nennt Heer die jüngsten Wechsel: Für die beiden abtretenden Akademiker Hans Kaufmann und Christoph Blocher rückten mit Thomas Matter und Ernst Schibli zwei nicht-Akademiker nach.

Bestimmte Themen erfordern Fachleute

Thomas Milic vom Forschungsinsitut gfs Bern hält dem entgegen, dass eine Schleichende Akademisierung sehr wohl feststellbar sei. Das habe mit den gestiegenen Ansprüchen zu tun, die sich die Partei selbst stelle: «Die SVP will nicht mehr nur auf die zwei Themen Ausländer und Europapolitik reduziert werden, sondern sich auch noch in anderen Themengebieten profilieren». So zum Beispiel in der Finanzpolitik. Und hierfür bräuchte es ausgewiesene Ökonomen, erklärt Milic.

Der Wandel hin zur Akademisierung hat die SP schon längst hinter sich – von der klassischen Arbeiterpartei zur Partei der Intellektuellen. Sieht man sich die Zusammensetzung im Nationalrat an, so finden sich bei den Sozialdemokraten 68 Prozent Akademiker. Bei der SVP haben bereits 37 Prozent einen Universitätsabschluss.

Angesichts dieser Entwicklung fordert alt Bundesrat Ogi seine Partei auf, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Und: «Das ist ein Aufruf an meine Partei, Nachwuchsförderung in der Politik zu betreiben.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die SVP-Fraktion auf Besuch in einem Industriebetrieb. (Archiv)

    Die SVP und die Akademiker-Frage

    Aus Echo der Zeit vom 5.7.2014

    Der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi hat sich in jüngster Zeit exponiert. Er kritisiert, es sässen zu viele Juristen im Parlament und zu wenig Gewerbler. Der Trend zu mehr Akademikern im Parlament geht quer durch alle Parteien. Wie geht die SVP damit um?

    Roland Wermelinger