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Essen - ohne Augen und Ohren
Aus Regionaljournal Ostschweiz vom 24.06.2022.
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Tag der Taubblindheit Essen, fast blind und taub – ein Selbstversuch

57'000 Menschen sind hierzulande seh- und hörbehindert. Im Restaurant zeigt sich: Ihr Alltag ist eine Herausforderung.

Wie fühlt sich ein Restaurantbesuch an für Menschen, die nur eingeschränkt sehen und hören können? Das möchte ich wissen und habe mich deshalb mit Doris Boller zum Mittagessen verabredet.

Sie ist seit ihrem 50. Lebensjahr blind. «Ich sehe gar nichts, ich gehe durch eine schwarze Welt», sagt sie mir bei der Begrüssung. Die 79-Jährige leidet an Retinitis pigmentosa, einer Erbkrankheit, welche die Netzhaut zerstört. Die Krankheit verläuft in Schüben, erstmals im Sehen eingeschränkt wurde Doris Boller mit 21 Jahren. Mit 62 kam eine Hörbehinderung dazu.

Tag der Taubblindheit am 27. Juni

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Am 27. Juni ist internationaler Tag der Taubblindheit. Deshalb kann man aktuell in 27 Restaurants in der ganzen Schweiz erfahren, wie sich essen mit eingeschränktem Augenlicht und Gehör anfühlt. Die Aktion «Zu Tisch!» des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen (SZB) und anderen Organisationen soll die Gesellschaft für die Anliegen von Seh- und Hörbehinderten sensibilisieren.

Das Leben ist für Seh- und Hörbehinderte eine grosse Herausforderung, Alltägliches wird zur Schwerstarbeit. Essen zum Beispiel. «Essen ist für uns eigentlich ein Abenteuer», sagt Doris Boller.

Mit Kartonbrille und Ohrenstöpseln

In der Ostschweiz beteiligt sich das Restaurant Tibits an der Aktion «Zu Tisch!» rund um den Tag der Taubblindheit. Doris Boller kommt in doppelter Begleitung. Immer dabei hat sie Blindenhündin Shaya. Heute hilft ihr aber auch Heidi Irion, freiwillige Begleiterin vom Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen.

Essen ist für uns eigentlich ein Abenteuer.
Autor: Doris Boller

Am Buffet zum Beispiel, wo Seh- und Hörbehinderte ohne Hilfe verloren wären. Heidi Irion liest vor: «Broccoli-Quiche, Couscous, Dal mit Blattspinat an Curry-Kokosnussmilch-Sauce, Samosas...» Doris Boller entscheidet sich für vier Samosas, Reis und ein vegetarisches Chili.

Doris Boller ist taubblind. Hündin Shaya ist immer an ihrer Seite
Legende: Doris Boller ist taubblind. Hündin Shaya ist immer an ihrer Seite. SRF

Nun bin ich an der Reihe. Am Buffet sehe ich noch – und ich fülle meinen Teller nach Lust und Laune: Salat, etwas Gemüse, Kichererbsen und ebenfalls Samosas. Zurück am Tisch richte ich mich ein. Ich habe ein Tischset erhalten, das mich über die Aktion informiert und aus dem ich eine Kartonbrille heraustrennen kann. Auch Ohrstöpsel liegen bereit.

Die Brille hat zwar auf der linken Seite ein klitzekleines Loch. Man habe bewusst eine Sehbehinderung simulieren wollen und nicht eine vollkommene Blindheit, erklärt mir Nina Hug, Co-Leiterin Marketing und Kommunikation beim SZB. Dies, weil von den rund 57'000 Betroffenen in der Schweiz nur eine Minderheit vollkommen taubblind ist. Ich schliesse trotzdem zusätzlich meine Augen.

Salat und Kichererbsen – eine schlechte Wahl

Obwohl ich den Teller gerade noch gesehen habe, habe ich keine Ahnung mehr, was ich wo finde. Ich stochere wahllos herum und merke schnell: Salat und Kichererbsen, das war eine schlechte Wahl. Oft ist die Gabel leer, wenn ich sie in den Mund führe – nichts erwischt. «Das gehört dazu», muntert mich Doris Boller auf.

Ich muss mich derart konzentrieren, dass Essen auch für mich zur Schwerstarbeit wird. Und: Wie soll ich wissen, ob ich noch etwas im Teller habe oder nicht? Ich kapituliere und öffne die Augen, das kleine Loch in der Brille hilft mir enorm. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man vollkommen blind ist oder noch einen Rest Sehkraft hat. Das bestätigt mir auch Doris Boller.

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Der Rosengarten für Blinde
aus Regionaljournal Ostschweiz vom 09.06.2022.
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Zum Schluss fragt sie mich, wie es gewesen sei. Extrem schwierig, aber eindrücklich, antworte ich ihr. Sie will wissen, ob der Geschmack intensiver war. Tatsächlich habe ich das Essen viel intensiver wahrgenommen, die Gewürze, die Konsistenz. Später zu Hause bin ich dankbar, dass ich das Abendessen wieder sehen kann. Eine Selbstverständlichkeit ist das für mich jetzt nicht mehr.

Regionaljournal Ostschweiz, 24.06.2022, 17:30 Uhr

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