Tessin sagt illegalem Sexgeschäft den Kampf an

Das Geschäft mit dem Sex blüht: Verbotene Bordellbetriebe schiessen im Tessin wie Pilze aus dem Boden. Das gefährdet Prostituierte. Sie sollen geschützt werden – per Gesetz.

Bordellbetreiber im Tessin sind ab heute häufig mit dem Meterstab unterwegs. Denn Rotlichtlokale müssen mindestens 150 Meter von Wohngebieten und öffentlichen Gebäuden entfernt liegen. Das verlangt der Entwurf zum neuen Prostitutionsgesetz. Mit dem Gesetz will die Tessiner Kantonsregierung das Sexgeschäft neu regeln.

Illegale Bordelle haben im Tessin sprunghaft zugenommen. Das ist den Politikern ein Dorn im Auge. Nun brauche es Klarheit, sagt der Tessiner Polizeidirektor Norman Gobbi. Das hätten die Polizeikontrollen der letzten Monate gezeigt. Wo sind Bordellbetriebe erlaubt? Welche Verantwortung tragen Betreiber von Rotlichtlokalen? Gobbi kündigt Polizeikontrollen auch ohne einen Auftrag der Staatsanwaltschaft an.

Ausgeliefert, ausgeschafft

Gerade illegale Prostituierte waren bisher fast ohne Schutz. Wehrten sie sich gegen ihre Ausbeuter, wurden sie umgehend ausgeschafft. Nun sollen Hilfsorganisationen freien Zugang zu den Bordellen erhalten und die Frauen betreuen.

Die Gesundheit der Frauen müsse geschützt werden, sagt Gobbi. Die soziale Unterstützung müsse ausgebaut werden. Das Ziel: Ausbeutung und Missstände verhindern.

Die Tessiner Staatsanwaltschaft hat ihren Kampf intensiviert. In den letzten Monaten hat sie 30 Rotlichtbetriebe geschlossen. Die Gründe: Frauen waren illegal beschäftigt, sie wurden ausgebeutet.

Millionenschweres Geschäft

Diese verbotenen Praktiken rechnen sich offenbar für die Betreiber. Marco Zambetti, Offizier bei der Kantonspolizei, schätzt den Umsatz der Tessiner Sexindustrie auf mehrere Dutzend Millionen Franken im Jahr.

Das Tessin ist in Sachen Prostitutionsgesetz ein Vorreiter. Der Kanton schaffte 2001 als erster in der Schweiz rechtsverbindliche Regeln. Mit dem neuen Gesetz will er jetzt Lehren aus der unmittelbaren Vergangenheit ziehen.

Nahe am Verbrechen

Kritiker sehen das Tessin als Rotlichtbezirk der Lombardei. Dort ist der Strassenstrich verboten, und das Geschäft ist geprägt von Gewalt. In der Schweiz dagegen ist Prostitution legal. In deren Umfeld vermutet die Tessiner Staatsanwaltschaft aber Geldwäscherei, Urkundenfälschung oder Steuerhinterziehung. Erst letzte Woche wurde ein bulgarischer Zuhälter wegen Menschenhandels verurteilt.

(prus)