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Teure Ski-Spektakel «Ein Weltcup-Event kann sich nicht mehr selber finanzieren»

Die Ski-Weltcuprennen im Berner Oberland kämpfen ums Überleben. Für die Region geht es auch abseits des Sports um viel.

Montagnacht – der berüchtigte «Guggiföhn» zieht über das Lauterbrunnental und über die Wengernalp. 200 Kilometer pro Stunde erreicht der Föhn und trifft die Infrastruktur der Veranstalter des Lauberhornrennens mit voller Wucht. Neben der Zuschauertribüne werden auch Teile der Piste in Mitleidenschaft gezogen. Das Rennen steht auf der Kippe. Am Dienstagnachmittag teilt das OK mit, dass es stattfinden soll.

Legende: Video Impressionen von den Sturmschäden am Lauberhorn (unkommentiert) abspielen. Laufzeit 0:54 Minuten.
Vom 09.01.2018.

Aber: «Die Schäden aufgrund des Windes sind gross», so OK-Präsident Urs Näpflin zu SRF News. Wie viel Kosten der Föhn genau generiert hat, ist noch unklar. Erst in rund einem Monat kennen die Veranstalter die Bilanz des Lauberhornrennens 2018.

«Ohne diese Leute geht es nicht»

«Grundsätzlich ist das Budget immer knapp», sagt Näpflin. Der Aufzug des «Guggiföhn» darum umso bitterer. «Wir sind eigentlich eine Nullprofit-Organisation.» Viele im OK arbeiten ehrenamtlich auf Spesenbasis, zudem helfen Freiwillige, die Armee und der Zivilschutz. «Ohne diese Leute geht es nicht.»

Ein Weltcup-Event kann sich nicht mehr selber finanzieren.
Autor: Peter WillenPräsident des Ski-Weltcup Adelboden
Peter Willen.
Legende: Peter Willen, OK-Präsident Adelboden. Keystone

Auch Peter Willen, Präsident des Ski-Weltcups Adelboden, sagt, dass die finanzielle Not der Veranstalter gross ist: «Ein Weltcup-Event kann sich nicht mehr selber finanzieren.»

Rennabsagen bedeuten Imageschaden

Der Aufwand, ein Rennen zu veranstalten, habe sicherlich zugenommen, und «Qualität kostet Geld», sagt Willen. Auf der anderen Seite würden sich aber auch Hospitality-Tickets schwer verkaufen, etwa aufgrund von Sparmassnahmen, weiss der Präsident.

Muss das Rennen in Adelboden dann wie etwa 2016 abgesagt werden, bedeutet das einen grossen Verlust. «Die Höhe des Verlusts hängt vom Zeitpunkt der Absage ab» und betrage zwischen 300'000 und einer Million Schweizer Franken. «Dazu kommt der Imageschaden für die Region», so Willen.

7,4 Millionen Franken Budget

In Wengen musste das Rennen vor einem Jahr abgesagt werden. «Wie viel eine Absage kostet, ist schwierig zu beziffern», sagt Näpflin. «Aber für die Helfer ist es sicher eine grosse Enttäuschung. Denn für ihren unglaublich grossen Einsatz werden sie mit dem Rennen belohnt.»

Das Budget in Wengen für dieses Jahr beträgt gemäss OK-Präsident Näpflin 7,4 Millionen Franken. Aufgrund von höheren Sicherheits-Auflagen der FIS, aber auch wegen der ständigen Weiterentwicklung des Anlasses, steigen die Ausgaben jährlich an.

«Gefordert ist die touristische Seite»

Die Region würde den Veranstaltern aber auch in schwierigen Situationen beistehen. «Die Jungfraubahnen beispielsweise investieren jährlich 1,8 Millionen Franken.» Auch von der Armee, dem Bund und dem Kanton erhielt das Rennen Unterstützung. Denn natürlich profitieren auch sie vom Anlass.

Weil die Weltcuprennen eben Auswirkungen auf die Region und das ganze Land haben, wünscht sich der Adelboden-Präsident Willen mehr Unterstützung von allen Seiten. «Gefordert ist die touristische Seite», sagt er und betont: «Gespräche sind im Gang.»

Sieger aus dem nahen Ausland wie Deutschland, Österreich oder Frankreich sind immer gut um den Tourismus nach Adelboden anzukurbeln.
Autor: Annina ReimannTourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg

Tourismus Adelboden-Lenk-Kandersteg (TALK) unterstützte das Rennen dieses Jahr mit 140'000 Franken. Annina Reimann von TALK sagt, dass der Weltcup in Adelboden einen enorm grossen Stellenwert für die Region habe. «Durch die weltweite Übertragung der Skirennen wird der Name Adelboden in die ganze Welt hinausgetragen und verhilft Adelboden so zu einer grösseren Bekanntheit.»

Ob sie aufgrund der erhöhten Publizität im jeweiligen Siegerland jeweils auf einen ausländischen Sieger hofft, will sie nicht sagen. Nur so viel: «Sieger aus dem nahen Ausland wie Deutschland, Österreich oder Frankreich sind immer gut, um den Tourismus nach Adelboden anzukurbeln.»

TV-Zuschauerzahlen Adelboden-Riesenslalom seit 2013

JahrZuschauerMarktanteil in Prozent
1. Lauf 2013
286'000
63,2
2. Lauf 2013
416'00062,6
1. Lauf 2014359'00071,6
2. Lauf 2014367'00054,9
1. Lauf 2015274'00055,5
2. Lauf 2015287'00046,4
2016
Rennen fand nicht statt
1. Lauf 2017280'00060,8
2. Lauf 2017369'00056,0
1. Lauf 2018278'00057,9
2. Lauf 2018446'00058,3

Quelle: Mediapulse Fernsehpanel / Deutschschweiz / Overnight / Personen 3+ Jahre

Wertschöpfung von 2,2 Millionen Franken

Von der Gemeinde Adelboden erhält das Rennen jährlich einen fixen Jahresbeitrag von 40'000 Franken. «Hinzu kommen Gratis-Dienstleistungen sowie das zur Verfügung-Stellen von Infrastrukturen im Umfang von 60’000 Franken», erklärt Jolanda Lauber, Gemeindeschreiberin von Adelboden.

«Für den Gemeinderat ist unumstritten, dass die Veranstaltungen für die Gemeinde sehr wichtig sind», so Lauber. Das zeige auch die Wertschöpfung. 2014 hat Adelboden die direkte Wertschöpfung auf 34'000 Franken und die indirekte Wertschöpfung auf 2,2 Millionen Franken eingeschätzt. Eingerechnet seien dabei allerdings lediglich Umsätze, welche direkt durch die Organisation des Events ausgelöst wurden.

«Die Zufriedenheit der Gäste entscheidend»

Auch bei der Jungfrau Region geht man davon aus, dass das Lauberhornrennen eine zentrale Bedeutung haben. André Wellig, Leiter Marketing und Kommunikation Jungfrau Region, sagt: «Die Rennen helfen uns merklich, dass sich potentielle Wintergäste für die Jungfrau Region entscheiden können.» Alle Hotelbetten und sämtliche Übernachtungsmöglichkeiten seien rund um die Rennen ausgebucht, «was wiederum unterstreicht, wie wichtig die Rennen für die Region sind».

Auch Wellig findet, es dürfe ruhig auch ein Schweizer eines der Rennen gewinnen. Denn schlussendlich sei «vielmehr die Zufriedenheit der Gäste entscheidend.» Für die Identität von Wengen sei das jährliche Lauberhornrennen zentral. «Deshalb unterstützen wir es finanziell», so Wellig.

Kanton unterstützt Zivilschutz-Einsatz

Profitieren von den beiden FIS-Rennen im Berner Oberland könne auch der gesamte Kanton Bern. «Für uns bedeuten die Rennen eine fokussierte Werbewirkung in kürzester Abfolge – gleich an zwei Januarwochenenden stehen die Berner Alpen im Fokus des globalen Sportinteressens», sagt Susanna Regli, Leiterin Kommunikation des Kantons Bern. «Das wäre in Werbesekunden unbezahlbar.»

Gestützt auf einen Beschluss des Grossen Rates aus dem Jahr 2015 beteiligt sich der Kanton mit maximal 150'000 Franken pro Jahr an den Einsatzkosten des Zivilschutzes bei den beiden FIS-Rennen. Zur Wertschöpfung für den Kanton gebe es keine aktuellen Zahlen.

«Wertschöpfung ist mindestens 10 Millionen Franken»

Studien aus den Jahren 2002 für Wengen und 2009 für Adelboden hätten ergeben, dass die Weltcuprennen unter Berücksichtigung der direkten und indirekten Wirkungen einen Gesamtumsatz von rund 8,8 Millionen Franken in Wengen respektive 7,5 Millionen Franken in Adelboden auslösen, so Regli. «Diese Beträge dürften sich in den vergangenen Jahren weiter erhöht haben.»

Davon ist auch Adelboden-Präsident Willen überzeugt: «Die Wertschöpfung vor Ort beträgt mindestens 10 Millionen Franken.» Eine Faustregel besage, dass die Wertschöpfung einer Veranstaltung mindestens das Doppelte des Veranstalter-Budgets betrage.

Wir hoffen heute auf sehr viele Zuschauer, das ist das Wichtigste.
Autor: Urs NäpflinOK-Präsident Lauberhorn
Urs Näpflin.
Legende: Urs Näpflin ist seit drei Jahren OK-Präsident des Lauberhornrennens. Keystone

Wie gross die Wertschöpfung für die Region Jungfrau ist, kann Wengen-Präsident Näpflin nur schwer einschätzen. Auch hier fehlen die neusten Zahlen. «Vor zehn Jahren war der direkte Umsatz in der Region rund 15 Millionen Franken», weiss Näpflin.

«Die direkte und indirekte Wertschöpfung des Lauberhorn-Events schätze ich heute auf 40 Millionen Franken.» Damit der Event allerdings erfolgreich sei, brauche es die Unterstützung der Menschen. «Wir hoffen auf sehr viele Zuschauer, das ist das Wichtigste.»

TV-Zuschauerzahlen Lauberhorn-Abfahrt seit 2013

JahrZuschauerMarktanteil in Prozent
2013891'00077,9
2014784'000
74,8
2015
988'000
70,7
2016823'00073,5
2017Rennen fand nicht statt

Quelle: Mediapulse Fernsehpanel / Deutschschweiz / Overnight / Personen 3+ Jahre

Adelboden Ski-Weltcup

Adelboden Ski-Weltcup

In diese Länder wird der Adelboden Ski-Weltcup übertragen: Deutschland, Finnland, Grossbritannien, Italien, Japan, Kanada, Norwegen, Schweden, Slowenien und USA (plus Eurosport)

Wengen Ski-Weltcup

Wengen Ski-Weltcup

In diese Länder wird das Lauberhornrennen übertragen: China, Deutschland, Finnland, Italien, Japan, Kanada, Norwegen, Schweden, Slowenien und AUS (plus Eurosport)

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