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Totgeburt nach Rückschaffung Der Grenzwächter erkannte die Dringlichkeit der Lage nicht

Legende: Audio Schweizer Grenzwächter sagt aus abspielen. Laufzeit 04:11 Minuten.
04:11 min, aus Rendez-vous vom 23.11.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • 2014 erlitt eine schwangere Syrerin eine Totgeburt, nachdem sie und ihr Mann als Flüchtlinge von der Schweiz nach Italien zurückgeschafft worden waren.
  • Schweizer Grenzwächter sollen ihr medizinische Hilfe verweigert haben.
  • Erstmals hat sich der ehemalige Teamchef der angeklagten Grenzwächter zum Fall geäussert.
  • Die genauen Anklagepunkte sind noch offen.

SRF News: Sie beobachten den Prozess für SRF. Was sagt der ehemalige Teamchef zu seinem Verhalten?

Elmar Plozza: Der Angeklagte hat bestätigt, das er von anderen Grenzwächtern und vom Ehemann der Syrerin darüber informiert worden war, dass es der Frau nicht gut gehe. Er habe ab einem bestimmten Punkt auch gewusst, dass die Frau schwanger sei. Aufgrund dieser Rückmeldungen habe er aber nicht wahrgenommen, dass es ein ernsthaftes medizinisches Problem bestehe. Ausserdem sei er zeitweise absorbiert gewesen, weil er einen Zug habe organisieren müssen, der die Gruppe nach Domodossola zurückbringen sollte. Der Grenzwächter sagte aus, es gebe einen gewissen Druck, solche Rückschaffungen innerhalb eines gewissen Zeitraums durchzuführen. Schliesslich erinnerte er sich auch, dass es in der Vergangenheit zu negativen Erfahrungen sei, zum Beispiel hätten Personen, die zurückgeschafft werden mussten, simuliert, um eine Rückschaffung zu verzögern. Diese Erfahrung habe auch einen gewissen Einfluss gehabt.

Hat er sich auch direkt an die betroffene syrische Familie gewandt?

Nein, direkt zur Familie hat er nicht gesprochen. Er hat aber zum Ausdruck gebracht, dass er doch erstaunt sei, dass die Familie sich überhaupt entschieden habe, von Italien nach Frankreich zu reisen, wenn die Frau im siebten Monat schwanger war. Er sagte auch, der Ehemann der syrischen Frau habe ihn zwar über die gesundheitlichen Probleme informiert, aber er habe das in einem sehr ruhigen Ton getan. Deshalb sei ihm auch nicht bewusst gewesen, wie dringlich die Lage sei. Erst als die Syrer auf dem Perron waren und den Zug besteigen mussten, habe er gemerkt, wie schlecht es der Frau gehe. Er habe deshalb die Abschiebung zwar nicht abgebrochen, sondern seine italienischen Kollegen angerufen und sie informiert, dass eine schwangere Frau mit Problemen im Zug sei.

Der Grenzwächter sagte, er habe seine italiensichen Kollegen angerufen und sie informiert, dass eine schwangere Frau mit Problemen im Zug sei.

Zu einem gewissen Grad hat er die Verantwortung der Familie zurückgegeben. Trotzdem hat er gesagt, er habe niemals gewollt, dass so etwas wie diese Totgeburt passieren würde. Mit dem heutigen Wissensstand hätte er sich anders verhalten.

Mit welcher Strafe muss der Angeklagte rechnen, wenn er verurteilt wird?

Das ist ganz eine schwierige Frage, weil noch nicht abschliessend feststeht, welche Delikte der Auditor, der militärische Staatsanwalt, beantragen wird, und wie das Gericht dann urteilen wird. Es sind verschiedene Punkte denkbar: Unterlassene Hilfeleistung, möglicherweise sogar Tötung.

Es sind verschiedene Anklagepunkte denkbar: Unterlassene Hilfeleistung, möglicherweise sogar Tötung.

Das ist eine ganz sensible Frage, weil es auch darum geht, wann genau das Baby im Bauch gestorben ist, wann die Wehen begonnen haben und ob man das Kind, das tot zur Welt gekommen ist, im juristischen Sinne überhaupt als Mensch bezeichnet. Deshalb braucht das Militärgericht auch noch Zeit in diesem Fall. Das Urteil wird erst am 7. Dezember 2017 eröffnet.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Elmar Plozza

Plozza ist Inlandredaktor bei Radio SRF. Er ist Historiker. Plozza beobachtet für SRF den Prozess gegen den Grenzwächter.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Ein Arzt wird durch eine kollektive Hauptpflichtversicherung des Spitals genau vor solchen Geschehnissen geschützt. Wieso schützt der Bund diese Menschen nicht, die tagtäglich Abgründiges an der Front erleben? Die Karriere dieses Grenzwächters ist im Eimer, er war in psychologischer Behandlung und nach dem Urteil muss er wahrscheinlich noch in den Knast. Tag für Tag treffen Beamte Fehlentscheide. Echt unverständlich, sowas.
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  • Kommentar von Pia Müller (PiMu)
    Ich finde es verwerflich, diesen CH-Grenzwächter überhaupt in ein Verfahren der Schuld zu ziehen. Ihn betrifft aber wirklich keine Schuld. Wir wissen, wie Flüchtlinge beim Abschub über "Wehwehchen" klagen können. Eine Frühgeburt hätte diese Frau vermutlich so-oder-so gehabt. Für die Flucht hatte sie bestimmt auch schon Stress-Situationen durchgemacht, was für eine Schwangerschaft nie gut ist. Also sofortige Beendigung des Strafverfahrens für den Grenzwächters ist gefordert.
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    1. Antwort von Mirco Schmid (Mirco Schmid)
      Das andere über Wehwehchen jammerten, spielt keine Rolle, die Frau hatte Probleme. Der Grenzgänger hätte es abklären muss. Der frühere Stress ist auch irrelevant, das Problem hätte vor Ort gelöst werden können. Beim Zug sah er das Problem, handelte aber nicht adäquat. In der Zelle und vor dem Zug traf der Grenzwächter eine falsche Entscheidung. Würde der Durchschnittsbürger eine Schwangere mit Problemen ignorieren, würde alle ein Gerichtsverfahren fordern.
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    2. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Herr Schmid, da bin ich der gleichen Meinung wie Frau Müller. Ihn trifft keine Schuld. die zu einer Verurteilung führen sollte. Er hat ja seinen Kollegen auf der ital. Seite angerufen und Mitteilung gemacht. Die Rückführung ist sicher nicht einfach und sie stossen auf Widerstände. Er hat nicht absichtlich gehandelt.
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    3. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      @M. Sch.: Wenn aber täglich hunderte über irgendwelche Wehwehchen klagen, damit sie nicht zurück geschickt werden, wird es für Grenzwächter immer schwierig das nach zu prüfen. Und Probleme hatte die Frau hauptsächlich durch ihre über Monate dauerende "Reise" nach Europa. Sie hätte in dem Land, wo sie in Sicherheit war die Geburt abwarten können, satt das ungeborene Kind weiteren Strapazen auszusetzen. Das war verantwortunglos. Wenn, denn war es vom Grenzbeamten lediglich unterlassene Hilfe.
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    4. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Oder vielleicht noch menschliches Versagen bei diesem Stress, aber keinesfalls eine bewusste Straftat, nach meiner Meinung.
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  • Kommentar von Stella Jung (vd)
    Ich möchte eine Lanze für den Grenzwächter brechen . . . es ist sicher ein sehr stressiger Job und auch für einen Mann schwierig, sich in eine schwangere Frau hinein zu versetzen, er ist ja kein Arzt. Deshalb nicht vorschnell verurteilen . . .
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