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Schweiz «Uchtenhagen, Kopp, Brunner und Metzler: Alle wurden abgesägt»

«Auffällig häufig wurden unbestritten kompetente Frauen abgesägt. Das fiel mit der Zeit auch der Öffentlichkeit auf», sagt Silja Häusermann. Die Politologin beurteilt den Fall Elisabeth Kopp, die vor 25 Jahren zurücktrat, und blickt auf den Kampf der Frauen in der Politik.

Elisabeth Kopp einen Tag nach dem Rücktritt.
Legende: Elisabeth Kopp einen Tag nach dem angekündigten Rücktritt. Keystone

Es war ein Telefonanruf, der am 12. Dezember 1988 ein politisches Erdbeben ausgelöst hatte. Wochen zuvor bat Elisabeth Kopp ihren Mann, den Wirtschaftsanwalt Hans W. Kopp, aus dem Verwaltungsrat der Shakarchi Trading auszutreten. Die Firma stand unter dem Verdacht der Geldwäscherei.

Knapp ein Jahr nach ihrem Rücktritt bescheinigte die PUK Elisabeth Kopp eine weitgehend tadellose Amtsführung. Gerügt wurde sie aber für die Weitergabe von Informationen aus ihrem Departement an ihren Gatten.

Politlogin Silja Häusermann beurteilt die Situation von damals und erklärt, wie sich die Folgen des Rücktritts bis in die Gegenwart fortpflanzen.

SRF News Online: Würde heute die Situation wieder die Gleiche sein: Müsste eine Bundesrätin mit dem gleichen Vergehen auch zurücktreten?

Silja Häusermann: Nicht der Grad des Vergehens spielt bei erzwungenen Rücktritten die wichtigste Rolle. Viel entscheidender ist, wie stark der Rückhalt in der eigenen Partei ist. Beispiel Bruno Zuppiger. Die Entschuldigung reichte nicht. In dem Moment, in dem die Partei jemanden fallen lässt, hat er keine Chance mehr. Bei alt Bundesrätin Kopp war eher auffällig, wie schnell sie von ihrer Partei fallen gelassen wurde. Heute hätte sie sicher einen stärkeren Rückhalt in der Partei gehabt. Sie war damals als erste, sehr sichtbare Frau im Bundesrat unter starker Beobachtung, auch parteiintern. Und dann spielen neben dem Netzwerk auch die Medien eine wichtige Rolle.

Inwiefern?

Medien können einen Skandal stärker oder weniger stark hochspielen und sie können einen Skandal überhaupt erst als solchen definieren. Als Politikerin oder Politiker kann man die Medien nur bedingt steuern. Elisabeth Kopp wurde damals von den Medien als Bundesrätin sicher stärker beobachtet als dies heute der Fall wäre. Einfach darum, weil sie die erste Frau im Bundesrat war. Sie war Symbolfigur, sie musste beweisen, dass eine Frau Bundesrätin sein kann. Sie hat das meiner Meinung nach gut gemacht. Ihre Kompetenz wurde nie bestritten. Sie hatte daher sicher auch Neider und Skeptiker, gerade als Frau.

Hat sie den Politikerinnen mit ihrem Rücktritt nicht einen Bärendienst erwiesen? Sie war die erste Frau im Bundesrat und gerade sie stolperte über ihren schillernden Gatten.

Lilian Uchtenhagen (SP) war 1983 erste offizielle Bundesratskandidatin. Das Parlament wählte stattdessen Otto Stich.

Christiane Brunner (SP) war 1993 offizielle Bundesratskandidatin. Das Parlament entschied sich für Francis Matthey (SP), der die Wahl nicht annahm. Schliesslich wurde Ruth Dreifuss (SP) Bundesrätin.

Ruth Metzler (CVP) wurde 2003 als erste amtierende Bundesrätin seit 1872 nicht wiedergewählt. An ihrer Stelle wählte das Parlament Christoph Blocher (SVP).

Nein. Ich sehe sie nicht in erster Linie als die Bundesrätin, die zurückgetreten ist. Für mich ist sie sehr viel mehr Wegbereiterin. Sie steht historisch gesehen in einer ganzen Reihe von Politikerinnen, die den Weg ebnen mussten. Da war Lilian Uchtenhagen, die nicht gewählt wurde. Dann kam Kopp, die zurücktreten musste. Christiane Brunner, die aus unsachlichen Gründen nicht gewählt wurde. Schliesslich wurde Ruth Metzler abgewählt. Auffällig häufig wurden unbestritten kompetente Frauen abgesägt. Das fiel mit der Zeit auch der Öffentlichkeit auf.

Heute gibt es zwar mehr Politikerinnen, sie sind aber immer noch in der Minderheit.

Das Verhältnis zu den Frauen in der Politik ist heute viel unproblematischer als noch vor 30 Jahren. Seit den 1980er Jahren hat sich die Anzahl der Frauen in beiden Räten verdoppelt, im Nationalrat auf einen Anteil von 30 Prozent, im Ständerat auf 20 Prozent. Im Bundesrat waren bis vor kurzem vier Frauen, jetzt sind es drei. Wenn wir auf die Ebene der Regierungen in den Kantonen blickenhj, dann haben wir einen Anteil von 23 Prozent. Das ist schon eine starke Zunahme. Aber von 50 Prozent ist es weit entfernt. Und alle Untersuchungen zeigen, dass Frauen immer noch weniger auf die Wahllisten kommen als Männer. Und wenn sie einmal auf den Wahllisten stehen, werden sie weniger häufig gewählt.

Sind Politikerinnen, insbesondere Bundesrätinnen, heute besser vernetzt?

Es gibt heute in den Parteien mehr Frauensektionen, die wiederum aktiver und vernetzter sind als früher, auch überparteilich. Es hat eine eigentliche Institutionalisierung von Politikerinnen in Netzwerken stattgefunden. Laut den Daten des «Business Relationship Rank» der Orell Füssli Wirtschaftsinformationen sind Politikerinnen darüber hinaus auch in der Wirtschaft immer stärker vernetzt.

Mit anderen Worten, es sitzen mehr Politikerinnen in Verwaltungsräten von Firmen oder sind Mitinhaberinnen von Betrieben. Im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen sind sie heute zwar immer noch schlechter vernetzt, aber sie holen auf.

Gibt es da einen Unterschied zwischen bürgerlichen und linken Frauen?

Bürgerliche Frauen sind stärker wirtschaftlich vernetzt als linke Frauen. Hingegen sind die linken Frauen politisch besser verankert, in ihrer eigenen Partei und parteiübergreifend. Das ist insofern auch logisch, weil es in den linken Parteien viel mehr Frauen gibt. Das hängt wiederum damit zusammen, dass die Linken seit Jahrzehnten Frauen systematisch fördern, angefangen an der Basis bis in die Führungsriegen. Sie tun dies teils mit Quoten für Wahllisten oder Gremien, aber auch, indem sie Emanzipationsthemen auf ihrer politischen Agenda haben.

«Frauen greifen Themen auf, die ihnen dringlich erscheinen, ohne zu überlegen, wem sie damit auf die Füsse treten könnten», sagte Elisabeth Kopp einmal. Politisieren Bundesrätinnen tatsächlich anders als ihre männlichen Kollegen?

Die These, dass Frauen weniger strategisch vorgehen, dafür eher Sachpolitik betreiben, kann ich für heutige Politikerinnen nicht unterschreiben. Alle drei Bundesrätinnen, also Eveline Widmer-Schlumpf, Doris Leuthard und Simonetta Sommaruga haben ein gutes Gespür für die Macht, gehen mit Kalkül vor. Sie alle haben verschiedene Stile und Standpunkte und das ist gut so. Es trägt zur Normalisierung bei.

Frauen politisieren also gleich wie Männer?

Viele denken, Politikerinnen seien sensibler für Minderheiten. Das muss ich offen lassen. Es gibt einfach auch mehr Frauen in den linken Parteien. Und die Linken sind grundsätzlich sensibler für Minderheiten. Auch sind Politikerinnen generell nicht mehr auf Familien- oder Sozialthemen abonniert wie das früher der Fall war.

Jetzt kann man behaupten, dass Frauen in linken Parteien sind, gerade weil sie sich von den Themen der Linken angesprochen fühlen und weil sie die linke Art des Politisierens der rechten Art bevorzugen.

Frauen haben früher konservativer gewählt als die Männer. Männer gaben öfter den progressiveren Ideen ihre Stimme. Das hat sich aber in den 1970er- und 1980er-Jahren gewandelt. Heute sind es die Frauen, die gesellschaftlich progressiver und staatsinterventionistischer wählen als die Männer. Das hat mit der veränderten Stellung der Frau in der Gesellschaft zu tun. Weil Frauen heute stärker emanzipiert sind, haben sie andere politische Bedürfnisse, interessieren sich für andere Themen und wählen auch anders. Oder: Je selbstbestimmter Frauen sind, desto mehr pochen sie auch auf Selbstbestimmung und auf Politiker, die diese Selbstbestimmung unterstützen.

Interview: Christa Gall

Zur Person

Politologin Silja Häusermann

Silja Häusermann ist Professorin für Schweizer Politik und Vergleichende politische Ökonomie am Institut für Politikwissenschaften an der Universität Zürich (IPZ). Sie hat ihre Schwerpunkte unter anderem in den Bereichen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, sowie Parteien- und Verbändesysteme.

31 Kommentare

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  • Kommentar von Katharina Müller, 8400 Winterthur
    Eigenartige Berichterstattung: Christiane Brunner wurde 1993 als offizielle Bundesratskandidatin der SP vom Parlament nicht gewählt. Gewählt wurde Francis Matthey SP, der die Wahl nicht annahm. Nicht berichtet wird, dass Francis Matthey SP die Wahl ablehnen MUSSTE, weil er sonst aus der Partei geworfen worden wäre. Diese Tatsache wäre bestimmt erwähnt worden, wäre dies in der SVP passiert.
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    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Nach der Wahl von der Widmer-Schlumpf wurde eine ganze Kantonalpartei aus der SVP rausgeworfen. Weil diese nicht Blocherhörig waren. Das war so und nicht wäre vielleicht so gewesen, wie in ihrem Beispiel.
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    2. Antwort von Margrit Holzhammer, 8903 Birmensdorf
      @Albert Planta: Auch hier, Hr. Planta, heisst es nicht die Widmer-Schlumpf, sondern Frau Widmer. Sie scheinen mir keine Achtung vor dem Mitmensch zu haben.
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    3. Antwort von M. Keller, Thurgau
      A. Planta: und die SP und ihre "Parteisoldaten" werden nicht müde das zu erwähnen; jedoch erwähnt jemand die Causa Matthey (ein überzeugter SP-Politiker, dem die Parteizugehörigkeit wichtiger war als ein Bundesrats-Amt), wird jener/jene sofort difarmiert... Haben Sie sich mal gefragt, was passiert wäre, hätte F. Matthey die Wahl angenommen? Wären Sie dann "Anhänger" von F. Matthey's Splitterpartei, oder der "Rausschmisspartei"? (machen Sie mal das Gedankenspiel)
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    4. Antwort von E. Meier, Zug
      @Margrit Holzhammer. Also ich habe schon viele Bücher und Filme über die Schlümpfe gelesen und gesehen. Und so wie ich der Papa Schlumpf kenne (der mit der roten Zipfelmütze), kann ich Ihnen versichern, dass die Schlümpfe nicht so Namens-Anrede empfindlich sind wie Sie dies befürchten. Traurig sind die Schlümpfe erst, wenn sie sich verschlumpfen. Die Frau Schlumpf hat aber bis jetzt nur halb ausgeschlumpft. Und ein waschechter Schlumpf, lügt NIE; dies sollte sich Frau Schlumpf zukünftig merken.
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    5. Antwort von Albert Planta, Chur
      M. Keller, Thurgau Sie kennen mich anscheinend immer noch schlecht: Ich habe keine "Parteisoldaten" und habe auch niemand difamiert sondern lediglich darauf hingewiesen, was ich auch als Anhänger der vorblocherschen SVP und heutigen BDP auch darf. Reagieren sie nicht immer so überempfindlich. Es ist ihrem Ansehen nicht zuträglich.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger, Orpund
    Im langen Artikel geht es um alt-Bundesrätin Kopp und das "absägen" weiterer Bundesrätinnen. Trotzdem tummeln sich die "SVP-Phobien-Kranken" sofort wieder mit "reinen" Angriffen, Verunglimpfungen und Hassorgien gegen den ehemaligen Bundesrat und Industriellen (der über 3000 Arbeitsplätze schuf!), Dr. Christoph Blocher, der ebenfalls "zum Teufel gejagt" wurde! Gibt es hier im SRF-Forum wirklich nichts mehr politisches, ohne die ewigen "Hassorgien" gegen die wählerstärkste Partei lesen zu müssen?
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  • Kommentar von Verena Eberhard, 5722 Gränichen
    nein auch Herr Blocher wurde durch die Linken und ihre Anhänger rausgeworfen. Genau wie Frau Kopp war Herr Blocher den Steuergeldverteilern in Bern unangenehm. Frau Kopp war bis heute die beste Bundesrätin und ich finde es heute noch eine Schande, dass sie wegen ihrem Mann gedrängt wurde, ihr Amt nieder zu legen. Heute haben wir einen schwachen Bundesrat (fast alles Juristen),
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    1. Antwort von Albert Planta, Chur
      Der Blocher wurde nicht von den Linken rausgeworfen sondern von der Mehrheit der Vereinigten Bundesversammlung nicht mehr gewählt. Genau wie vier Jahre zuvor Ruth metzler.
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    2. Antwort von M. Keller, Thurgau
      A. Planta: und hier kommt die typische Bigotterie: bei Metzler war es ein Unding sowas zu tun. Politisch höchst unanständig, eine Schande für die Demokratie. Dann machte man es mit Blocher, und alles war ok.... Gut ok, nun sollte es mit den zwei "Nicht ganz die Wahrheit sagenden"-Bundesrätinnen (EWS und Sommaruga) nochmal geübt werden. Wäre es dann immer noch ok?
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    3. Antwort von Albert Planta, Chur
      Es war in beiden Fällen i.O. Wo kämen wir hin, wenn Bundesräte nicht mehr abgewählt werden dürften.
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    4. Antwort von M. Keller, Thurgau
      Herr Planta... Noch vor wenigen Monaten hies es aber anderes... Speziell nach Blocher's Wahl war die SP am lautesten, wenn's darum ging die Abwahl eines aktiven Bundesrates zu verurteilen... Kommentare auf (damals) sf.tv waren gleichlautend zur Parteihaltung der SP... Und heute? "Es ist hald immer etwas anderes, wenn man's selber macht... " - und genau DAS ist es, was in der heutigen Politik schief läuft... (in allen Themen; was die andern machen, ist falsch... Konsens/etc? Fehlanzeige)
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    5. Antwort von Albert Planta, Chur
      Ein Denkanstoss an Zeitgenossen wie sie: Demokratie geht vor Personenkult. Blocher hin oder her.
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