«Übermüdete Ärzte sind ein Risiko für alle»

12 Arbeitstage am Stück und über 60 Arbeitsstunden pro Woche: Für viele Assistenz- und Oberärzte ist das der Normalfall. Ihr Verband schlägt nun Alarm.

Vier Ärzte in OP-Kittel und Mundschutz in einem Schweizer Spital (Archivbild).

Bildlegende: Seit 2005 gelten für Ärzte in Spitälern 50 Stunden pro Woche als Höchstarbeitszeit. Die Realität sieht oft anders aus. Keystone

Der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO) lanciert eine Kampagne, um auf Risiken für Patienten und auf Verstösse gegen das Arbeitsgesetz aufmerksam zu machen. «spital. illegal. normal?» lautet der Slogan.

Seit 2005 sind die Assistenzärztinnen und -ärzte dem Schutz des Arbeitsgesetzes unterstellt.  Acht Jahre später sei die Bilanz jedoch ernüchternd, schreibt der Verband in einer Mitteilung. 12 Arbeitstage am Stück und Wochenarbeitszeiten von über 60 Stunden statt der erlaubten 50 seien für viele immer noch Normalität, kritisiert der VSAO.

Schweiz keine Bananenrepublik

«Das Arbeitsgesetz wird massiv verletzt», betont die politische Sekretärin Rosmarie Glauser gegenüber SRF. Der Verband fordert deshalb Politik, Behörden und Spitäler dazu auf, Massnahmen zu ergreifen und für die Einhaltung der Arbeitszeiten zu sorgen. «Die Schweiz ist doch keine Bananenrepublik, in der man die Gesetze mit Füssen treten kann», kritisiert Glauser. Die Patienten hätten ein Recht auf Ärzte im Vollbesitz ihrer Kräfte, denn «übermüdete Ärzte sind ein Risiko für alle». Und die Ärzte hätten ihrerseits ein Recht auf gute Arbeitsbedingungen.

Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+, hält dagegen: «Die Spitäler haben riesige Anstrengungen unternommen um die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Arbeitszeiten zu verkürzen.» So seien seit 2005 Hunderte Assistenzärztinnen und -ärzte eingestellt worden. Der Ärztemangel sei aber nach wie vor akut. «Dies kann durchaus dazu führen, dass in gewissen Fällen Überstunden geleistet werden müssen», ist sich Wegmüller bewusst.

Kampagne mit Comics und Post-it

Die Kampagne startete am Dienstag mit einer «Guerilla-Aktion». Auf Post-it-Zetteln – etwa an Billettautomaten – prangten Sprüche wie «Ihre Busfahrerin arbeitet schon 12 Tage am Stück». Dieser Vergleich soll deutlich machen, dass Arbeitszeitbeschränkungen unterschiedlich umgesetzt und kontrolliert werden.

Mit dem Comic «tatort spital» wollen die Ärztinnen und Ärzte zusätzlich auf gesetzeswidrige Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Auf der Kampagnenwebseite www.spital-illegal.ch können Betroffene – egal ob Patienten oder Ärzte – Erfahrungen, die sie in Spitälern gemacht haben, austauschen.