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Uni-Transparenz Pharma: 300‘000 Franken in Professoren-Pensionskasse

Pharmakonzerne kaufen sich mit geheimen Verträgen für gesponserte Professuren Einfluss an Schweizer Universitäten – dies zeigen Recherchen der Rundschau. So hat der Pharmalobby-Verband 300000 Franken in die Pensionskasse eines Professoren zum Amtsantritt eingezahlt.

Legende: Video Geheim-Verträge abspielen. Laufzeit 13:00 Minuten.
Aus Rundschau vom 20.04.2016.

An der Universität Basel sponsert der Pharmalobby-Verband Interpharma den Lehrstuhl für «Gesundheitsökonomie» mit insgesamt rund 7 Millionen Franken. Interpharma redete bei der Ernennung von Professor Stefan Felder mit. Als Antrittsgeschenk zahlte Interpharma gar 300‘000 Franken in die Pensionskasse des Professors ein. Felder sagt im Interview mit der «Rundschau» dennoch: «Ich bin von Interpharma unabhängig und von der Uni Basel angestellt.» Interpharma-Generalsekretär Thomas Cueni schreibt: «Die Mitwirkung bei der Ernennung des Professors wurde von der Uni angeboten.» Zu den Zahlungen für Professor Felders Lehrstuhl und seine Pensionskassen-Gelder erklärt Cueni: «Wir erklärten uns auf Bitten der Universität bereit, einen entsprechenden Zusatz zum ursprünglichen Vertrag zu unterzeichnen.»

Interpharma, Roche, Novartis, Merck Serono - fast alle, die in der Pharmabranche Rang und Namen haben, tauchen in vertraulichen Verträgen mit Schweizer Universitäten und Hochschulen auf.

Die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung an Universitäten ist in der Verfassung garantiert. Für Einfluss an angeblich unabhängigen Universitäten greifen die Konzerne tief in die Taschen: die Verträge reichen von 450‘000 Franken jährlich bis zu 12,5 Millionen über 25 Jahre Laufzeit.

Die der «Rundschau» vorliegenden Verträge mit den Universitäten Basel, Bern und der eidgenössisch technischen Hochschule Lausanne, EPFL waren bisher unter Verschluss – dank dem Öffentlichkeitsgesetz mussten Universitäten ihre brisanten Verträge mit der Pharmaindustrie heraus geben.

Merck-Serono-Vertrag: «Änderungen am Forschungsresultat»

Besonders weit geht der Vertrag für 3 bezahlte Lehrstühle der ETH Lausanne (EPFL) mit dem deutschen Pharmakonzern Merck Serono. 12,5 Millionen Franken zahlt Merck Serono für Lehrstühle der Neurowissenschaft, Medikamentenabgabe und Onkologie. Dafür erhält der Konzern weitgehende Rechte, die die Unabhängigkeit der universitären Forschung gefährden. Der Vertrag sieht vor, dass Professoren ihre Forschungsresultate der Pharmafirma alle 3 Monate vorlegen müssen. Passt der Medikamentenfirma ein Forschungsresultat nicht, kann Merck Serono sogar «akzeptable Änderungen» an der Publikation der Forschungsresultate verlangen.

EPFL-Sponsoringchef Jérôme Grosse beteuert im «Rundschau»-Interview: «Im Alltag sind die Forscher unabhängig.» Er muss aber eingestehen: «Vielleicht würden wir einen solchen Vertrag heute nicht mehr abschliessen.»

In einem Statement, dass die EPFL kurz vor der Sendung noch nachgereicht hat, hält sie Folgendes fest: Es bestehe eine Berechtigung von Merck, die Publikation von Forschungsresultaten abzuändern, aber dies gelte nur für bezahlte Mandatsforschung , die es neben dem gesponsorten Lehrstuhl gibt.

Merck verteidigt die Berechtigung, die Publikation von Forschungsresultaten abändern zu können. Diese beziehe sich jedoch «ausschliesslich auf die wissenschaftliche Veröffentlichung von Ergebnissen der Lehrstuhl-Teamprojekte.» Merck-Sprecher Gangolf Schrimpf hält dennoch fest: «Wir respektieren, wahren und unterstreichen explizit die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre.»

Die Einflussnahme bei der wissenschaftlichen Veröffentlichung von Forschungsergebnissen betreffe vertrauliche Informationen sowie relevante Ergebnisse betreffend Patenten.

Staatsrechtsprofessor Müller: «Massiver Eingriff in Unabhängigkeit»

Der Berner Staatsrechtsprofessor Markus Müller reagiert empört. Er sagt im «Rundschau»-Interview: «Solche Deals mit privaten Pharmafirmen beeinträchtigen die Unabhängigkeit der Schweizer Universitäten massiv. In der Verfassung ist die Unabhängigkeit der Universitäten jedoch festgelegt.»

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Alle Interesenbindungen der Schweizer Universitäten auf einen Blick: Die interaktive Grafik von SRF Data im Vollbild-Modus.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
    Besser wäre es, wir hätten private Unis in der Schweiz, die wären dann zwar schweineteuer für die Studenten, aber auch saugut in der Ausbildung, und die zukünftige Arbeitsstelle ist auch schon gesichert. Unter dem Strich aber entlastet jede private Finanzierung den Steuerzahler und sollte lobend erwähnt werden, im Rahmen der unbedingt notwendigen Transparenz gegenüber der Oeffentlichkeit.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    bis zur Änderung von Publikationen... dzu ein dickes Pfui... ansonst verweise ich auf Artikel von: Er sagt was Sache! Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey), Aarau Mittwoch, 20.04.2016, 15:25
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Seit je her haben alle Arbeiten an einer Uni einen Auftrag im Hintergrund und die allermeisten Resultate bieten einen gewissen Interpretationsspielraum, der meistens auch entsprechend ausgelegt wird. Da sich nicht einmal der Staat neutral verhält (siehe die fragwürdigen Studien des HSG Prof. Wüstenhagen in Sachen Windenergie, gesponsert von Doris Leuthards BFE) ,wie will man das von privaten Auftraggebern verlangen? Letztere finden übrigens schnell andere Unis ausserhalb der Schweiz....
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Finde ich auch. Man findet oft unter Studienergebnissen den Nachsatz: Diese Studie wurde durchgeführt im Auftrag von......dafür zahlen sie, sollen sie diese Aufträge an ausländische Universitäten vergeben.? Sicher nicht.
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