Verdrängungskampf um Altkleider

Alte Kleider sind ein Rohstoff, mit dem sich Geld verdienen lässt. Das ruft neue Unternehmen wie I-Collect auf den Plan. Die Firma rezykliert Altkleider und Schuhe – eingesammelt bei H&M, Vögele und Co. Die etablierten Verwerter, die auf Kleiderspenden angewiesen sind, fürchten ums Geschäft.

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Das Geschäft mit den Altkleidern («Tagesschau», 20.5.2103)

1:55 min, aus Tagesschau am Mittag vom 20.5.2013

18 Kilogramm Textilien verbraucht jeder Schweizer laut dem Bundesamt für Umwelt jährlich. Davon sind rund 10 Kilogramm Kleider – das sind ungefähr 70 T-Shirts. Werden diese nicht mehr getragen, landet ein grosser Teil in Altkleidersäcken  – ungefähr 7 Kilogramm pro Jahr. «Die Schweizer sind Recyclingweltmeister und  sammeln vorbildlich Altkleider», sagt Martin Böschen, Direktor von Texaid. Das Unternehmen sammelt jedes Jahr rund 36‘000 Tonnen Altkleider. Texaid ist der grösste Textilverwerter der Schweiz.

Zu Ballen gepresste Altkleider in einer Halle der Firma Texaid.

Bildlegende: Firmen wie Texaid verkaufen gesammelte Altkleider ins Ausland – nach Osteuropa oder Afrika. Keystone

Rund zwei Drittel der gesammelten Kleider sind noch tragbar. Sie werden ins Ausland, nach Osteuropa oder Afrika, verkauft. Die restlichen Stoffteile werden zu Putzlappen oder Reisswolle für Isolationsmaterial verarbeitet. Texaid erwirtschaftete 2011 einen Gewinn in der Höhe von 5,5 Millionen Franken. Das Geld fliesst zu einem grossen Teil an die beteiligten Hilfswerke – das Schweizerische Rote Kreuz, Caritas oder die Kolpingfamilien.

Auf das lukrative Geschäft mit Alttextilien hat sich auch die Firma I-Collect spezialisiert. Sie ist Teil der SOEX-Gruppe, die laut eigenen Angaben zu den weltweit grössten Textilverwertern der Welt gehört. Beide Unternehmen haben ihren Sitz in Baar im Kanton Zug.

Sammeln mit Kaufanreiz

I-Collect sammelt im Gegensatz zu den etablierten Textilverwertern die Altkleider nicht etwa in Containern neben dem Altglas, sondern in den Filialen von H&M, Charles Vögele und anderen Modeketten. Derzeit sind es etwa 120 Tonnen pro Monat aus 600 Filialen. Bis Mitte nächsten Jahres sollen es 1500 Sammelpunkte in der Schweiz werden.

Wer seine alten Klamotten in einem der Partnerläden abgibt, erhält einen Gutschein von 5 Franken für den nächsten Kleiderkauf ab 25 Franken. Ziel sei, dass irgendwann alle neuen Produkte aus recycelten Stoffen bestünden.

Texaid zieht nach

Der Geschäftsführer von I-Collect Stephan Wiegand will diejenigen belohnen, die ihre alten Sachen in die Kleiderläden zurückbringen. Er spricht von «positivem Konsumverhalten». Damit meint er: Es sei nachhaltig, wenn jemand Kleider kaufe, die möglichst zu 100 Prozent aus Recyclingmaterial bestehen. Davon ist die Industrie jedoch noch weit entfernt. Erst ein Bruchteil der abgegebenen Altkleider wird für hochwertige Recycling-Produkte eingesetzt. Die Rechnung scheint aufzugehen. I-Collect arbeitet heute kostendeckend. Bereits Ende 2014 will das Unternehmen Gewinn schreiben.

Das Recycling über den Ladentisch bringt die etablierten Textilsammlungen in Bedrängnis. Denn die Schweizer seien als Recyclingweltmeister bereits vorbildlich bei den Alttextilien. Viele Kleider, die im Einzelhandel zurückgegeben werden, fehlten dann in den Containern und Strassensammlungen, sagt Texaid-Direktor Martin Böschen. I-Collect hingegen sieht sich als «perfekte Ergänzung zu bestehenden Sammelsystemen.» Doch daran mag man bei Texaid nicht so recht glauben. Ab Juni will auch Texaid in Zusammenarbeit mit einer hiesigen Warenhauskette gebrauchte Kleider entgegennehmen.