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Kesb reagiert auf Kritik «Verwandtschaft sagt noch nichts über Nähe aus»

Legende: Audio «KESB Zürich verteidigt ihre Arbeit» abspielen. Laufzeit 3:26 Minuten.
3:26 min, aus Rendez-vous vom 12.04.2017.
  • Der Zürcher Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) wird regelmässig vorgeworfen, sie platziere schutzbedürftige Kinder in Heimen, anstatt sie bei Verwandten unterzubringen.
  • Die Kesb der Stadt Zürich – die grösste solche Behörde in der Deutschschweiz – hat an ihrer jährlichen Medienkonferenz Stellung dazu genommen.

Buchautorin Julia Onken ist eine der prominentesten Kritikerinnen der Kesb in der Schweiz. Ihr Standpunkt: Die Behörde entscheide viel zu wenig aus der Sicht der betroffenen Kinder. «Wenn man die Eltern und das familiäre Umfeld nicht einbezieht, wird es immer einen Verwaltungsakt geben. Es kann nie im Sinne des Kindes sein», sagt sie. Die Kesb müsse Familienmitglieder besser in die Entscheidungen miteinbeziehen und zum Beispiel schauen, ob nicht Angehörige als Beistand eingesetzt werden könnten.

Bei Kindern haben wir in der Regel sehr komplexe Situationen mit psychischen Krankheiten und Eltern, die überfordert sind
Autor: Michael AllgäuerPräsident der Zürcher Kesb

Genau dies werde schon seit Jahren so gehandhabt, sagt dazu Michael Allgäuer, Präsident der Kesb Stadt Zürich. Dies zeigen laut ihm auch die Zahlen: Im letzten Jahr seien weit über 2000 Fälle an die Kesb herangetragen worden, aktiv geworden sei die Behörde nur in einem Drittel der Fälle. «Wichtig ist bei unserer Arbeit, zu schauen, ob es ohne Massnahmen geht, ob man mit Unterstützungsangeboten in der Familie eine Lösung finden kann. Das ist unser Ziel», sagt Allgäuer.

«Das Kind ist auf eine innige Weise mit seinen Eltern verbunden»

Die Kesb handle dabei nach dem Grundsatz Familie zuerst. Die Angehörigen und betroffenen Kinder würden immer angehört. Allerdings sei es so, dass seine Behörde meist erst dann zum Einsatz komme, wenn eine Familie bereits auseinandergefallen sei. Seien Kinder involviert, werde es meistens noch heikler. Allgäuer: «Bei Kindern haben wir in der Regel sehr komplexe Situationen mit Eltern, die überfordert sind, und psychischen Krankheiten. Meistens hat auch das weitere Familiennetz schon Stellung für oder gegen ein Elternteil bezogen.»

Verwandtschaft sagt noch nichts über Nähe aus. Genau diese Nähe ist aber entscheidend dafür, dass eine Person eine Beistandschaft gut führen kann
Autor: Michael AllgäuerPräsident der Zürcher Kesb

In solchen Fällen entscheide sich die Kesb dagegen, Familienangehörige als Beistand für betroffene Kinder einzusetzen. Normalerweise komme dann ein Berufsbeistand zum Einsatz.

Kesb will Familien weiter mit einbeziehen

Genau das kritisiert Onken. Kinder bräuchten das vertraute Umfeld, sagt sie. «Das Kind ist auf innige Weise mit seinen Eltern und seiner Familie verbunden. Deshalb ist es absolut unzulässig, wenn man das familiäre Umfeld nicht einbezieht.»

Michael Allgäuer von der Stadtzürcher Kesb kann diese Haltung grundsätzlich verstehen. Allerdings zeige seine Erfahrung, dass Verwandte manchmal einfach nicht als Beistand geeignet seien. «Verwandtschaft sagt noch nichts über Nähe aus. Genau diese Nähe ist aber entscheidend dafür, dass eine Person eine Beistandschaft gut führen kann», sagt er.

Dennoch: Die Kesb wird laut Allgäuer weiter darauf hinarbeiten, dass die Familie bei Kesb-Entscheidungen mit einbezogen wird und dass die Behörde zurückhaltend agiert.

Weniger Kinder platziert

Im vergangenen Jahr wurden in Zürich 54 Kinder von der Kesb platziert. 2013, als das revidierte Kindes- und Erwachsenenschutzrecht in Kraft trat, waren es noch 90 gewesen. Ähnlich war die Entwicklung bei den angeordneten Kindesschutzmassnahmen: Deren Zahl ging von 437 auf 351 zurück. Die Erwachsenenschutz-Massnahmen sanken von 559 auf 504.

18 Kommentare

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  • Kommentar von elize naude (elize)
    es werden sehr schnell den zeigefinger nach kesb erhoben... die können nie alle parteien gerecht werden... wenn eltern einigermassen selbstverantwortung haben... wäre maßnahmen von kesb überflüßig... ich finde für ein kind ist fremdplatzierung besser, weil angehörige nicht die nötige objektiwität, was normal ist haben... übrigens wo bleibt hilfe von denen vorher... was nachher schreit...?
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Statt "Schutzbehörde" wäre es ehrlicher, von einer "Zangsbehörde" zu sprechen. Der Schutz, den die KESB vermeintlich ausübt, gleicht dem "Schutz" der Behörden in der DDR. Dort wurden auch Personen "geschützt", sprich eingekerkert.
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  • Kommentar von Ruedi Lais (Ruedi Lais)
    Ich bin Mitglied einer Beschwerde-Instanz bei KESB-Entscheiden. Wenn aus dem Umfeld einer schutzbedürftigen Person Vorschläge für die Person des Beistands (zB jemand aus der Familie, ein Privat-Beistand oder ein Vertrauensanwalt) gemacht worden sind, verlangen wir, dass diese Person von der KESB abgeklärt wurde. Die KESB macht das aber meist von sich aus. Nur sind halt leider vielfach die Angehörigen zerstritten oder sonst mitverantwortlich für die Probleme der schutzbedürftigen Person.
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    1. Antwort von Sarah Maier (S. Maier)
      Ja, bei Minderjährigen hat die KESB es ja "in der Regel" mit Dingen wie psychischen Krankheiten bei den Eltern zu tun. Oder mit einem hässlichen Sorgerechtsstreit einer Mutter und eines Vaters, die nicht kompromissbereit sind. Und Fälle, in denen weder das eine noch das andere zutrifft? Viel zu kompliziert! Wer wollte von der arbeitsüberlasteten KESB ernsthaft verlangen, dass sie sich jetzt auch noch mit der Mögichkeit befasst, dass man sich weder ums Kind streitet noch psychisch krank ist .....
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