«Viele merken: Es ist nicht einfach, mit dem Kiffen aufzuhören»

Die Zahl derjenigen, die ihren Konsum der sogenannt weichen Droge Cannabis als problematisch empfinden, steigt stetig an. Warum immer mehr Konsumenten dem Kiffen den Kampf ansagen, erklärt ein Suchtberater.

Ein abgerauchter Joint, gehalten zwischen Daumen und Finger

Bildlegende: Immer mehr Cannabis-Konsumenten suchen Hilfe. Ein Grund dafür: Der Rauschfaktor wird immer «deftiger.» Keystone

Immer weniger Menschen suchen in der Schweiz Hilfe, um von harten Drogen wie Heroin und Kokain loszukommen. 1997 hatten 78 Prozent derjenigen, die wegen illegalen Drogen Hilfe suchten, Opioide als Hauptgrund angegeben; 2013 waren es noch 24 Prozent. Die Zahlen gehen auf das Monitoring-Netzwerk act-info zurück.

Gegenläufig ist der Trend bei einer vermeintlich weichen Droge: Die Hälfte der Hilfesuchenden hat heute ein Problem mit Cannabis. 1997 waren es erst 5,8 Prozent. Insgesamt liessen sich 2013 1119 Personen wegen Cannabiskonsums behandeln. Der Anstieg lasse sich in den ambulanten und stationären Einrichtungen beobachten, teilt Sucht Schweiz mit.

Dass mehr Menschen wegen Cannabis bei der Suchthilfe anklopften, erklärt Sucht Schweiz mit der Zunahme des Cannabis-Konsums unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen Ende der 1990er und Anfang der 2000er-Jahre. Olivier Bolliger, Leiter des Beratungszentrums der Suchthilfe der Region Basel, erklärt, wie die Grenzen zwischen Genuss- und Suchtmittel verschwimmen.

SRF News: Können Sie die Ergebnisse der Studie bestätigen?

Oliver Bolliger: Ja. Die Gruppe der Cannabiskonsumenten (bei den Hilfesuchenden, Anm. d. Red.) nimmt seit zehn Jahren kontinuierlich zu. Seit fünf Jahren ist Cannabis Problem-Substanz Nummer 1 – und hat Heroin und ähnliche Drogen abgelöst.

Was sind die Gründe für diesen Anstieg?

Zunächst gibt es beim Heroin kaum mehr Neueinsteiger. Auf der anderen Seite ist bei den Cannabis-Konsumenten ein grösseres Problembewusstsein vorhanden. Ich denke allerdings, dass es ein Trugschluss ist, vom steigenden Bedürfnis nach Beratungen auf eine höhere Anzahl Konsumenten zu schliessen. Denn diese sind meines Wissens stabil, wenn auch auf hohem Niveau. Oft sind die Personen, die jetzt freiwillig zu den Gesprächen kommen, zwischen 25 und 35. Viele sind an entscheidenden Lebensabschnitten, in denen Cannabis nicht mehr so gut reinpassen will...

...zum Beispiel wenn man beruflich vorwärts kommen oder eine Familie gründen möchte?

Genau. Das sind meistens die wichtigsten Punkte, man merkt: «Ich bleibe irgendwie stehen. Alle anderen haben einen besseren Beruf, eine Familie. Und bei mir dreht sich immer noch alles ums Cannabis.»

Mit welchen Anliegen und Problemen kommen die Cannabis-Konsumenten zu ihnen? Wollen Sie einfach aufhören zu kiffen und schaffen es nicht?

Ein grosser Teil kommt mit dem Wunsch zur Reduktion oder ganz aufzuhören. Viele merken dann, dass das gar nicht so einfach ist.

«  Noch vor zehn Jahren, war die Rauschwirkung halb so deftig wie heute. »

Warum das? Cannabis gilt ja nun nicht als Droge, die sehr schnell sehr stark abhängig macht wie etwa Heroin.

Wie beim Rauchen sind die Rituale sehr stark. Es gibt sehr viele Kontexte, in denen es für die Betroffenen schwierig ist, aufzuhören. Ein Beispiel: «Nach der Arbeit gehört der Feierabend-Joint dazu. Wenn ich den nicht habe, spüre ich eine Anspannung, die nicht weg geht.»

Welche Hilfe können Sie anbieten?

Wir schauen konkret mit den Betroffenen, wie sich der Konsum aktuell gestaltet, welche Muster erkennbar sind. Mit ganz konkreten Zielsetzungen versuchen wir dann, eine Reduktion oder eine Abstinenz zu erreichen. Je nach Zielsetzung des Konsumenten.

Hat sich der Cannabis-Konsum verändert? Kifft beispielsweise jemand, der heute kifft, mehr als vor zwanzig Jahren?

Was man feststellen kann ist, dass der THC-Gehalt des Cannabis merklich angestiegen ist. Heute wird Cannabis hochpotent, hochgezüchtet, zum Teil auch gentechnisch verändert, geraucht. Noch vor zehn Jahren, war die Rauschwirkung halb so deftig wie heute.

Das Gespräch führte Barbara Peter.

Alkohol bleibt «Spitzenreiter»

Alkohol bleibt «Spitzenreiter»

Keystone

Die grösste Nachfrage nach Suchtbehandlung oder -beratung besteht nach wie vor im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch. 2013 waren es insgesamt 4274 Personen, die wegen Alkoholsucht eine Behandlung anfingen. In der Statistik wurden knapp 8500 Personen, die neu eine Suchtbehandlung begannen, berücksichtigt.