Zum Inhalt springen

Linke oder blinde Gewalt? Von Ideologen, Chaoten und Trittbrettfahrern

Legende: Audio Wie Gewalteskalation von Linksautonomen verhindern? abspielen.
3:58 min, aus Echo der Zeit vom 03.03.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Seit den Krawallen der vergangenen Woche ist die Stadt Bern national in den Schlagzeilen.
  • Nach der gewaltätigen Demonstration im Anschluss an die Räumung eines besetzten Hauses betreibt die Politik Ursachenforschung.
  • Erfahrungen aus der Vergangenheit könnten helfen, den richtigen Umgang mit der linksautonomen und linksradikalen Szene zu finden.

Die linksautonome Szene ist kein einheitlicher Block. Diese Erkenntnis ist für Urs Anderegg, Historiker und Dozent an der Berner Fachhochschule, zentral. Es gebe Gruppierungen wie den «Revolutionären Aufbau» in Zürich – mit einer klaren ideologischen Weltsicht und mit konkreten politischen Forderungen. Gruppierungen, die Demonstrationen und Protestaktionen organisieren. Gleichzeitig gebe es aber auch verschiedene kleine Splittergruppen, die häufig als Trittbrettfahrer aufträten:

Immer wieder gibt es Gewalteskalationen, die auf Splittergruppen zurückzuführen sind, die die Konfrontation mit der Polizei suchen. Diese Aktionen haben kaum einen ideologischen oder politischen Hintergrund.
Autor: Urs AndereggHistoriker und Dozent an der Berner Fachhochschule

Und genau das sei das Problem, sagt der Historiker. Denn solche kleinen, gewalttätigen, eher unpolitischen Gruppen seien schwierig im Zaum zu halten – auch für die Organisatoren von linken Demonstrationen.

Was tun, wenns brennt?

Anderegg will ausdrücklich nicht die Ereignisse der letzten Woche in Bern kommentieren. Für eine genaue Analyse brauche es noch zusätzliche Informationen.

Der «Schwarze Block» 2005 in Zürich, davor Polizisten in Vollmontur.
Legende: Polizisten in Vollmontur: Laut Anderegg nicht eben «deeskalierend». Keystone

Er hat sich aber in den vergangenen Jahren intensiv mit linken Protestbewegungen in der Schweiz und mit Fragen der Gewalteskalation befasst – und hat daraus wichtige Erkenntnisse gewonnen.

So sei bei früheren Fällen ein massives Eingreifen der Polizei häufig kontraproduktiv gewesen: «Eine massive, demonstrative Präsenz der Polizei wird in der autonomen Linken als Provokation angesehen und ist ein eskalierendes Moment.»

Prävention statt Intervention

Demgegenüber habe es häufig zu einer Beruhigung der Lage beigetragen, wenn es einen Dialog gegeben habe zwischen Behördenvertretern und Exponenten von linken Protestbewegungen. Damit habe man etwa in Zürich schon gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel im Umfeld des 1. Mai. Zentral sei dabei eine «institutionalisierte Kommunikation»:

Im Konfliktfall muss die Kommunikation zwischen Stadt und Aktivisten aufgebaut werden. Doch die Kommunikationskanäle müssen schon bestehen, bevor es überhaupt erst zu Konflikten kommt.
Autor: Urs AndereggHistoriker und Dozent an der Berner Fachhochschule
1. Mai-Demo in Zürich 1969
Legende: 1. Mai-Demo in Zürich 1969: Der linke Protest hat Tradition – und heutzutage viele Gesichter. Keystone

Auch solle eine Stadt gewisse Freiräume zulassen für alternative Wohnformen.
Das ist natürlich gerade bei der Besetzung von leerstehenden Häusern ein Thema.
Wissenschaftler Anderegg fordert: «Ein gewisses Verständnis für das Bedürfnis nach autonomen Räumen. Aber auch eine klare Kommunikation, wo die Grenzen sind.»

Also dass die Behörden Transparenz und schaffen und schon frühzeitig klar machen, wann und unter welchen Umständen ein besetzes Haus wieder geräumt werden muss.

Beiderseitige Dialogbereitschaft

Auf der anderen Seite sieht Anderegg aber auch die Vertreter der linken Protestbewegungen in der Pflicht. Auch sie müssten bereit zum Dialog sein, was bei linksautonomen Gruppen nicht immer der Fall sei. Und vor allem müssten sie sich klar von der Gewalt distanzieren. Nur so könne ein Vertrauensverhältnis entstehen.

Im aktuellen Berner Kontext ist damit natürlich auch die Szene rund um das Kulturzentrum «Reitschule» angesprochen. Eines scheint klar: Strategien und Konzepte im Umgang mit der links-autonomen Szene sind dringend nötig.

Denn angesichts von Quartieraufwertungen und steigenden Wohnungspreisen in den Schweizer Städten dürften Hausbesetzungen und alternative Wohnformen ein aktuelles Thema bleiben.

43 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Typischer Akademischer Schwachsinn, damit wird erst recht nur diese Szene kultiviert, den Behörden Steine in den Weg gelegt und die Bevölkerung an der Nase rumgeführt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ch. Helfenstein (Ch. Helfenstein)
    Vielleicht müssen die Gesetze so geändert werden, dass der Grundsatz "Mitgegangen, mitgehangen" wieder stimmt. Bei Chaotentum hiesse dies "Gruppenhaftung". Soviel Beteiligte wie möglich verhaften, Schaden bezahlen. Aber wir sehen zu, Berner Polizei beim letzten Cup Final in Bern, als Chaoten unerlaubt durch die Stadt liefen und Schaden anrichteten, Polizei weisst Fan Betreuer auf den falschen Weg hin, aber schaut zu. Am Schluss dann eine "Schlacht" mit Tränengas. Vermummte verhaften vor Schaden!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ch. Helfenstein (Ch. Helfenstein)
    Es ist doch nett, wieviel "Kopfarbeit" wir leisten, um zu verstehen, zu entschuldigen. Nein die Chaoten, ob rechts oder links können doch nicht die Schuldigen sein, die Armen. Wie sagte mir doch ein Angestellter , ca. 30 jährig, der Grenzwache unlängst. <Ein Fussballspiel ohne richtige Schlägerei ist kein Fussballspiel>. Das Offside erklären kann er nicht. Warum lässt man Chaoten, Vermummte handeln? Warum nicht mind. 72 Std. festnehmen, =Arbeitgeber informieren, Schaden muss zu 100% bez. werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Beat Gurzeler (B.Gurzeler)
      @ Ch.Helfenstein: Herr Helfenstein schon mal darüber nachgedacht , es wird immer noch der grösste Teil von der Mehrheit getragen , statt das diese sagen jetzt ist genug , auch schon überlegt das Kriminalität ein Wirtschaftszweig ist ( Gefängnisse , Polizei , Staatsanwaltschaft , Gerichte usw. ) das generiert in dieser Art Arbeitsplätze wo wieder Steuern bezahlt wird, judihui ich habe nicht mal studiert.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen