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Wachsende Entsolidarisierung? Immer mehr Tote machen Konkurs

Hinterbliebene schlagen öfter das Erbe aus, um keine Schulden übernehmen zu müssen. Das zeigt ein Blick ins Amtsblatt.

Legende:
Konkurse von Privatpersonen Die Konkurse von lebenden Privatpersonen hat in den letzten Jahren abgenommen, jene von Verstorbenen steigen. Ein Konkurs einer gestorbenen Person tritt dann ein, wenn die Erben das Erbe wegen der Schulden ausschlagen oder keine Erben vorhanden sind. Creditreform

Man glaubt es kaum: Im Amtsblatt vom Kanton Thurgau von Mitte Mai betrifft die Hälfte aller aufgelisteten Konkurseröffnungen Verstorbene.

Ist das nur eine Ausnahme, oder hinterlassen in der Schweiz Tote häufiger Schulden, die niemand mehr begleicht? Nachfrage beim Verband Creditreform, der Konkurse statistisch erfasst. Es sei keine Ausnahme, sagt Verbandspräsident Raoul Egeli, sondern «leider die traurige Wahrheit».

Die Schulden der Eltern nicht übernehmen können oder nicht wollen – das ist natürlich die Frage.
Autor: Raoul EgeliCreditreform

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Konkurse Verstorbener fast verdreifacht. So wurde vor 20 Jahren über knapp 2500 Verstorbene pro Jahr der Konkurs verhängt. Im letzten Jahr waren es bereits 6300. Der Konkurs über Tote wird dann eröffnet, wenn Schulden da sind, und die Erben den Nachlass ablehnen.

Michael Loss vom Inkassogesellschaftsverband Intrum erklärt: «Entweder Sie übernehmen als Hinterbliebener alles, das Vermögen, das da ist, aber gleichzeitig auch die Schulden.» Als Alternative gebe es nur eine Möglichkeit: «Die Ausschlagung eines Erbes, bei der Sie gar nichts annehmen.»

Keine Sorge um den Ruf der Familie

Konkurse werden im Amtsblatt publiziert, für alle öffentlich. Frühere Generationen hätten diese Publikation gefürchtet, weil sie sich um den Familienruf gesorgt hätten, glaubt Egeli. Das sei vorbei: «Ich nenne es Entsolidarisierung. Wir treten immer weniger für unsere Eltern ein. Das heisst zum Beispiel, die Schulden der Eltern können nicht übernommen werden.» Wobei: «Können oder wollen – das ist natürlich die Frage», so Egeli.

Loss von Intrum glaubt hingegen, dass die Personen, die heute Erbschaften antreten, das Ganze etwas umsichtiger angehen. «Sie klären heute eher ab, ob eine Erbschaft wirklich einen gewissen Wert mit sich bringt, oder ob man nur Schulden übernimmt.»

Viele Erben können es sich auch deshalb nicht leisten, die Schulden der Eltern zu übernehmen, weil sie selber zu wenig auf der hohen Kante haben.

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