Warten auf ein neues Herz: «Jeder will leben»

In der Schweiz warten etwa 1300 Menschen auf ein Spenderorgan. Herbert Greub ist einer davon. Nach drei Herzinfarkten hält ihn eine Maschine am Leben, er braucht ein neues Herz. Zusammen mit seiner Frau Ursula erzählt er vom bangen Warten auf den einen, lebensrettenden Anruf.

Eine Maschine gibt hier den Takt vor. Das Kunstherz: Zwei Pumpen, die den Blutkreislauf von Herbert Greub in Gang halten. Vier Schläuche verbinden sie mit dem Körper. Laut, aufdringlich, unaufhörlich unterstützt die Maschine das geschwächte Herz: «Man ist angebunden, hat das ‹Pumpwerk› einfach dabei», beschreibt Greub seinen ständigen Begleiter. Etwa zehn Millionen mal habe das Gerät bislang geschlagen – 10 Millionen Schläge, für die sein Herz alleine zu schwach gewesen wäre.

«  Die Maschine sagt, was gemacht wird. Wenn sie aufhört, ist fertig. »

Ursula Greub

Der 60-jährige hat sanfte Gesichtszüge. Einen Schnauz. Ein mildes Lächeln. Er ist kein Mann der grossen Worte. Seine Sätze sind kurz – wie dieser hier: «Man lebt ja…, jeder lebt gern.» Sein Leben hängt buchstäblich am Kunstherz, oder, wie es seine Frau Ursula sagt: «Die Maschine sagt, was gemacht wird. Wenn sie aufhört, ist fertig.»

Herberts Greubs Frau ist der Gegenpol zu ihrem ruhigen und bedächtigen Gatten. Sie ist laut, energiegeladen. Manchmal habe sie schon gedacht, «diese Scheissmaschine», sagt sie ungestüm. «Aber handkehrum: Ich habe meinen Mann, er lebt. Das hilft mir über alles hinweg. Wir sind 38 Jahre verheiratet, gerade das stärkt umso mehr», gewinnt Ursula Greub der belastenden Situation etwas Tröstliches ab.

Taktgeber fürs Herz ­– und den Alltag

Seit sieben Monaten schon gibt die Maschine den Takt vor. Immerhin lässt sie sich mitführen wie ein Rollkoffer. Viereinhalb bis fünf Stunden bleiben Herbert, wenn er ausser Haus ist. Dann muss er die Maschine wieder wechseln. «Manchmal gehen wir in ein Restaurant, in dem es laut ist. Dann hören wir sie nicht», beschreibt er eine Möglichkeit, die Maschine für ein paar Momente zu vergessen.

Herbert Greub bei einem Spaziergang, bei sich hat er sein ‹Pumpwerk›

Bildlegende: Drei Herzinfarkte hatte Herbert Greub am Heiligabend des vorletzten Jahres. Seither wartet er auf ein Spenderherz. SRF/Dominik Meier

Die Greubs haben zwei erwachsene Kinder. Sie ist Hausfrau, er war Verkäufer im Aussendienst. Bis vor zwei Jahren trainierte er Fussballmannschaften in den Amateurligen. Und dann, am Heiligabend 2013: Drei Herzinfarkte nacheinander. Immer hätte es geheissen, dem Herbert könne so etwas nicht passieren – er trinke nicht, rauche nicht. «Aber es kann jeden treffen», habe er geantwortet.

Es folgen Reha, Rückfälle, Ratlosigkeit. Bis die Ärzte im Sommer entscheiden: Herbert Greub braucht ein neues Herz. Seither wartet er auf den Anruf des Zürcher Unispitals. Losgehen kann es jederzeit – eine Situation, die das Ehepaar unter ständige Anspannung stellt: «Man steht auf und merkt: Wieder haben sie nicht angerufen. Rufen sie heute an, vielleicht in der Nacht?» Diese Gedanken seien immer da, sagt Ursula: «Es stellt nie ab.»

Im Schnitt warten Herzpatienten neun bis vierzehn Monate auf ein neues Herz. Doch es sterben auch Menschen während der Wartezeit. Garantien gibt es nicht. Momentan könne er das wegstecken, meint Herbert: «Beim Sport und im Aussendienst gab es auch Erfolgserlebnisse, dann wieder Momente, in denen es tief runter geht. Auch hier muss man sich aufraffen, ist man Einzelkämpfer.»

«  Sein Leben ist unwiderruflich zu Ende. Das Leben meines Mannes kann dann aber weitergehen. »

Ursula Greub
Über einen allfälligen Spender

Der Einzelkämpfer mit seiner starken Frau. Sie pflegt ihn rund um die Uhr. Er braucht die Hilfe. Gemeinsam warten sie... auf den Tag, an dem ihm ein Herz zugeteilt wird. Warten auf einen Todesfall, der ihm ein neues Leben bringt. Kein einfacher Gedanke. Aber der Mensch müsse nicht wegen ihnen sterben, sagt Ursula: «Sein Leben ist unwiderruflich zu Ende. Das Leben meines Mannes kann dann aber weitergehen.»


Warten auf ein Spenderherz

6:34 min, aus Echo der Zeit vom 05.03.2015

Vor den verhängnisvollen Herzinfarkten hatten beide keinen Spenderausweis. Weil sie nie über das Thema nachgedacht hatten. Heute würden sie auch Ja sagen zu einer Widerspruchs-Lösung: Dass also alle Menschen Organspender sind – es sei denn, sie sprechen sich ausdrücklich dagegen aus. «Es gibt so viele Leute, die wollen, die Freude am Leben hätten», so Ursula. «Und genau sie treffen so schwere Schicksalschläge.»

Wieder einmal auf einem Berg stehen. Ferien machen. Wieder eine Fussball-Mannschaft trainieren. Herbert Greub hat Pläne für sich und sein neues Herz: «Ich wäre parat, körperlich, mental. Es kommt immer näher, das ist, was uns erhebt.» Denn jeder lebe gerne, wiederholt er. Aber er muss warten.