Warum die Schweiz bei HIV in Europa an der Spitze liegt

Die Zahl der HIV-Diagnosen in der Schweiz ist im vergangenen Jahr zwar wieder zurückgegangen. Und doch liegt die Zahl der HIV-Diagnosen in der Schweiz im Vergleich zu Europa über dem Schnitt. Warum?

7,4 HIV-Diagnosen pro 100‘000 Einwohner im vergangenen Jahr – die Schweiz belegt hier in von Westeuropa einen Spitzenplatz, im negativen Sinne. Die europäischen Staaten verzeichneten 2013 im Schnitt knapp sechs Fälle.

Warum ist das so? Roger Staub vom Bundesamt für Gesundheit sagt dazu: «Wir haben in Westeuropa drei konzentrierte HIV-Epidemien und die Schweiz ist das einzige Land in Westeuropa, in dem alle drei Epidemien stark ausgeprägt sind.»

HIV tritt in Europa bei drei Gruppen konzentriert auf: bei den Schwulen, den Migranten aus Schwarzafrika und den Drogenabhängigen.

Das HIV in den bestimmten Kreisen

Da ist zum einen die Gruppe der Drogenabhängigen. Seit den 1990er-Jahren sind die HIV-Diagnosen in dieser Gruppe stark rückläufig, den Veränderungen in der Schweizer Drogenpolitik in den 1990er-Jahren sei Dank. Machten die Diagnosen bei den intravenös Drogengebrauchenden Ende der 1980er-Jahre noch fast die Hälfte aller HIV-Diagnosen aus, lagen sie 2013 unter 3 Prozent.

Stärker betroffen vom Risiko einer Ansteckung sind hingegen die Homosexuellen. Obwohl die Schwulen nur drei Prozent der sexuell aktiven Männer ausmachen, betrug ihr Anteil an den HIV-Diagnosen 2013 rund 39 Prozent.

Das Risiko eines Schwulen, auf einen Partner zu treffen, der bereits infiziert ist, ist gegenüber der übrigen Bevölkerung hundertmal höher. Deshalb kommt es zu vielen Neuinfektionen, obwohl sich viele schützen. Dazu kommt, dass das Virus beim ungeschützten Analverkehr leichter übertragen werden kann als beim Vaginalverkehr.

Migranten oft vor Einreise schon HIV-Träger

Die dritte konzentrierte Epidemie betrifft die Migranten, die aus der Region südlich der Sahara kommen. Gemäss WHO ist in dieser Region rund jeder Zehnte mit dem HIV infiziert. In den meisten Fällen tragen die Migranten den Virus schon in sich, wenn sie in die Schweiz einreisen. 12,2 Prozent der HIV-Diagnosen in der Schweiz betreffen Migranten aus Schwarzafrika.

Mit Vorliebe reisen die Schwarzafrikaner in jene Regionen in Europa, deren Sprache sie bereits beherrschen. In der Schweiz sind daher in den französischsprachigen Kantonen Genf und Waadt die HIV-Diagnosen bei Menschen aus Schwarzafrika besonders häufig.

Risiko bleibt für alle

Ausserhalb der drei konzentrierten Epidemien betrifft HIV aber auch Männer und Frauen, die zu keiner dieser drei Gruppen gehören: Heterosexuelle Männer infizieren sich oft auf Reisen bei Ferienbekanntschaften und Sextourismus. Heterosexuelle Frauen geben häufig an, sich in ihrer festen Beziehung angesteckt zu haben.

Viele Menschen mit HIV kommen aus der Südsahara Relative Anteile der Herkunftsregionen (in Prozent) der in der Schweiz diagnostizierten HIV-Infektionen Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Zahlen zur Schweiz

  • In der Schweiz wurden seit Beginn der Erfassung über 33'942 positive HIV-Testresultate gemeldet.
  • In der Schweiz leben heute rund 25'000 Menschen mit HIV und Aids. Seit Beginn der Epidemie bis 2013 wurden über 9532 Aidsfälle gemeldet.
  • Über 7000 Menschen sind zwischen 1983 und 2013 an den Folgen von Aids gestorben.