Warum hierzulande so wenig Jugendliche arbeitslos sind

Lehrabschluss im Sack, Studium abgeschlossen. Nun beginnt die Suche nach der ersten Stelle. In der Schweiz gestaltet sich der Übertritt ins Berufsleben relativ einfach. In den EU-Staaten sieht es ganz anders aus. Warum eigentlich?

Im Dezember zeigte der Zähler der Jugendarbeitslosigkeit 3,6 Prozentpunkte. Das ist etwas mehr als die  Arbeitslosenquote der Schweiz insgesamt.

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Steigende Arbeitslosenquote in Schweiz und EU

7:35 min, aus Tagesschau vom 8.1.2013

«Die Schweizer Wirtschaft steht verglichen mit dem Ausland gut da. Darum ist auch die Jugendarbeitslosenquote tief», meint Marie Avet. Avet ist die Mediensprecherin des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco. Ein weiterer Grund für die niedrige Quote sei das duale Ausbildungssystem der Schweiz. «Die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule gehört zu unseren Stärken.»

EU: Ausbildung zu fern von der Praxis

«Das Schweizer System verzahnt die Praxis und Theorie – und das bereits während der Ausbildung», präzisiert der Soziologe Ben Jann. Er arbeitet an der Universität Bern am Institut für Soziologie. «Lehr- und Universitätsabgänger schaffen so problemlos den Sprung in die Arbeitswelt».

Jugendlicher vor PC sitzend

Bildlegende: Im Dezember waren 20'350 junge Arbeitnehmer arbeitslos – eine tiefe Zahl im europäischen Vergleich. Keystone

Der Vergleich mit EU-Ländern zeigt: Die Europäische Union befindet sich in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Zudem gibt es im Ausbildungssystem teilweise entscheidende Unterschiede.

«In Frankreich und Italien ist die Ausbildung beispielsweise stark akademisiert und nicht praxisbezogen», betont Jann. In Frankreich komme hinzu: Häufig spiele die Herkunft eine Rolle. Für Personen aus Nordafrika sei es in Frankreich schwierig, den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. «Dies führt zu einer Ghettoisierung», sagt Jann.

Jugendarbeitslosigkeit im Vergleich mit EU-Ländern Basis: die EU-Zahlen des Monats Novembers. Für die Schweiz wurden die Dezember-Zahlen verwendet. Abkürzungen: Spanien (ES), Kroatien (HR), Portugal (PT), Italien (IT), Slowakei (SK), Frankreich (FR), Österreich (AT), Deutschland (DE), Schweiz (CH)

Der Wissenschaftler kritisiert zudem den teilweise extrem ausgebauten Kündigungsschutz in den EU-Staaten: «Dadurch entsteht ein sehr rigider Arbeitsmarkt. Dieser ist in ‹Insider› und ‹Outsider› aufgeteilt.» Wer eine Stelle habe, sei gut geschützt und könne als ‹Insider› kaum entlassen werden. Während ‹Outsider› – meist junge Einsteiger – keine Stelle fänden.

Konsequenz: Berufseinsteiger werden teilweise schamlos als Praktikanten ausgenützt. In der Schweiz ist der Arbeitsmarkt flexibler, der Kündigungsschutz viel weniger stark ausgebaut.

Junge Klippenspringer

Die Berufslehre hat im Vergleich zum akademischen Bildungsweg ein hohes Ansehen. «Auch mit einer Berufslehre hat man zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten», betont Soziologe Jann. Und tatsächlich, das Angebot an Weiterbildungsmöglichkeiten hat in den vergangenen Jahren sprunghaft zugenommen. Mit einer Berufslehre im Rucksack stehen viele Wege offen.

Alles Friede, Freude, Eierkuchen für junge Arbeitnehmer in der Schweiz? Nein: In wirtschaftlichen Krisenzeiten müssen sie häufig als erste über die Klippe springen. Im Gegensatz zu älteren Arbeitnehmern mangle es ihnen an internem Betriebswissen. «Vielfach sind es auch Junge, die bei einem Anstellungsstopp keine Aussicht auf eine Neuanstellung haben», erklärt Soziologe Jann.

Damit die Jugendarbeitslosigkeit weiterhin tief bleibt, darf die Schweiz nicht untätig bleiben: «Wir müssen am dualen Ausbildungssystem festhalten. Zudem spielen auch Massnahmen wie Motivationssemester, Praktika und Zwischenlösungen für Berufseinsteiger eine wichtige Rolle», sagt Seco-Mediensprecherin Marie Avet. Gleicher Meinung ist Soziologe Jann. «Die frühe Integration in den Arbeitsmarkt ist wichtig. Eine zu starke Akademisierung der Ausbildung sollte verhindert werden.»