Warum sind mehr Frauen bei Exit?

Die Sterbehilfeorganisation Exit verzeichnet für letztes Jahr einen Rekordzuwachs. Überdurchschnittlich viele Frauen wählen diesen Weg der Selbstbestimmung. Sie seien direkter mit dem Thema konfrontiert, sagt der Soziologe und Altersforscher François Höpflinger.

Ein Gift und ein Glas

Bildlegende: Sterbehilfe: Aktive Sterbehilfe ist verboten. Indirekt aktive ist erlaubt. Keystone/Archiv

SRF News: Wie erklärt sich die starke Zunahme der Beitritte zur Sterbehilfeorganisation Exit?

François Höpflinger: Es gab ein verstärktes Medieninteresse an diesem Thema. Zudem kommen heute mehr selbstbestimmte Menschen ins höhere Alter mit entsprechenden Krankheiten. Sie haben gelernt, ihr Leben selbstständig zu gestalten. Dazu gehört auch die selbstbestimmte Gestaltung des Sterbens.

Das heisst, die 68-er Generation wird alt?

Ja, und zum Teil sind es schon die Eltern der Achtundsechziger oder Menschen aus der Kriegsgeneration. Sie sind schon aktiver als andere Generationen.

Und diese Leute wollen den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen?

Ja, in einem gewissen Rahmen. Sie wollen zumindest lange Sterbeprozesse verhindern. wie sich in qualitativen Interviews gezeigt hat. Durch das Erleben eines langsamen Sterbens, zum Beispiel dem eines Elternteils, überlegen sich die die Nachkommen, ob sie es nicht anders machen könnten. Zu einem autonomen Alter gehört heute auch ein selbstbestimmtes Sterben. Was Leute nicht möchten, ist, langsam zu sterben. Krebs im Endstadium oder Angst vor Demenz sind beispielsweise zentrale Motivationen, sich bei Exit anzumelden.

Drei Fünftel der Exit-Mitglieder sind Frauen. Warum gibt es diese Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Frauen sind als Angehörige stärker in der Pflege und im Sterbeprozess direkter involviert als Männer. Sie werden schneller mit diesem Thema konfrontiert. Dazu kommt, dass mehr Frauen eine Verwitwung erleben und alleine sterben müssten. Das führt dazu, dass sie bei diesem Thema sensibler sind als Männer. Männer stützen sich eher auf eine Partnerin ab.

Ist das Tabu Sterbehilfe gefallen?

Aktive Sterbehilfe ist nicht erlaubt. Erlaubt ist die indirekt aktive Sterbehilfe. Die Menschen müssen selber in der Lage sein, zu entscheiden.

Interessant ist, dass die Schweiz beispielsweise in England als Vorreiterland gilt. Aber auch als Land, wo man von aussen beobachtet, welche ethischen Probleme sich da ergeben können.

In vielen anderen Ländern ist das Tabu noch vorhanden. In der Schweiz ist es früher aufgebrochen worden, weil man das ganze Sterben und auch Suizidalität nicht geregelt hat. Es gibt noch viele Länder, in denen Selbsttötungsversuche strafbar sind.

Das Gespräch führte Simon Leu.

François Höpflinger

François Höpflinger

Altersforscher François Höpflinger Keystone/Archiv

Der heute emeritierte Soziologieprofessor leitete lange Forschungsprojekte zu demografischen und familiensoziologischen Themen. Seit 2009 ist er selbständiger Forscher und Berater zu Alters- und Generationenfragen