Was bleibt einem Land, wenn man die Kultur wegnimmt?

Plötzlich sind etablierte Schweizer Kulturinstitutionen unter Druck. Bei manchen wird sogar offen über eine Schliessung nachgedacht. Was halten Kulturschaffende und Experten vom Rotstift im Kulturbereich?

Museum Strauhof in Zürich von aussen

Bildlegende: Dank Protesten konnte die Schliessung doch noch verhindert werden: Museum Strauhof in Zürich. Keystone

Sie geraten unter Druck: Das Theater Neumarkt in Zürich, das Oltener Kunstmuseum oder die Berner Kunsthalle. Politiker stellen solche Institutionen in Frage – vor allem aus finanzpolitischen Gründen.

Vor zwei Jahren plädierte der ehemalige Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia, Pius Knüsel, für einen kulturpolitischen Paukenschlag. Er forderte in seiner Streitschrift «Der Kulturinfarkt», die Zahl der subventionierten Theater, Museen und Konzerthäuser zu halbieren.

Zusammenlegungen als Zukunftsmodell?

Der heutige Leiter der Volkshochschule Zürich ist nicht erstaunt, dass Kulturinstitutionen nun ins Visier der Sparpolitiker geraten sind. Er sei überzeugt, dass Schliessungen oder Zusammenlegungen das Modell der Zukunft für die Kultur in der Schweiz seien. «Nur dann überleben sie, können sich erneuern, können neues Publikum anziehen.»

Als privater Kulturkonsument findet er das Angebot zu gross: «Ich würde es wahrscheinlich nicht merken, wenn das Angebot weniger würde. Weil es in jedem Fall immer noch viel zu viel ist für mich.»

«Kultur für alle» als veraltetes Konzept?

Ist womöglich die demokratische Idee von Kultur für alle ein veraltetes Konzept? Rolf Keller ist Kulturwissenschaftler und ehemaliger Leiter des Studiengangs Kulturmanagement an der Uni Basel. Er kritisiert, dass zusehends nur finanzpolitisch argumentiert wird – und nicht gesellschaftlich: «Man könnte natürlich darüber diskutieren, ob Theater nach wie vor ein zeitgemässes Labor für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten ist. Aber diese Diskussion wird ja gar nicht geführt.»

Einseitig nur über Finanzen Kulturpolitik zu machen, das gehe schief, so Keller. Kultur sei der Sauerstoff für die Gesellschaft. «Man merkt erst, dass etwas fehlt, wenn man zu wenig davon hat.»

Eine Art Kulturholding für Bern

Noch ist das Stadttheater in Winterthur nicht durch ein Kongresshaus ersetzt. Noch hat ein Proteststurm sowohl die Schliessung des Kunstmuseums in Olten oder der Kunsthalle in Bern als auch die Aufhebung des Literaturmuseums Strauhof in Zürich verhindert.

Die kulturpolitischen Diskussionen in Zeiten des Spardrucks sind also lanciert. Gut möglich, dass viele Theater- und Museumsdirektoren nächstes Jahr besonders interessiert nach Bern blicken, wo das Kunstmuseum und das Paul-Klee-Zentrum zwar nicht fusionieren, aber sich zu einer Art Kulturholding zusammenschliessen.