Was treibt ungarische Roma in die Schweiz?

65 Angehörige der Roma aus Ungarn haben in der Schweiz um Asyl ersucht. Das sind mehr als in den vergangenen zwei Jahren zusammen. Ihre Häuser in der einstigen Industriestadt Mischkolc seien für den Bau eines Stadions enteignet worden. Was in dem Ort passiert, weiss SRF-Redaktor Marc Lehmann.

Frau und Kind auf einem Balkon, mehrere Männer schreiten vorbei mit blauem Transparent.

Bildlegende: Die Roma fühlen sich in ihrer Heimatstadt ausgegrenzt. Reuters

SRF: Sie haben viele Jahre für SRF aus Osteuropa berichtet und wissen, wie es in Mischkolc aussieht. Beschreiben Sie die Umgebung des geplanten Stadions.

Marc Lehmann: Es sieht unschön aus am Stadtrand von Mischkolc, wo diese Roma leben. Dort gibt es regelrechte Ghettos. Die Leute hausen in kaputten Wohnblocks, teils ohne Strom und Wasser und ohne Fensterscheiben. Im Winter wird es elend kalt. Dieser Schandfleck soll eliminiert werden. Das sagen die Stadtbehörden von Mischkolc. Sie wollen anstelle dieser verfallenden Plattenbauten ein Fussballstadion errichten. Die EU-Gelder müssen ja irgendwie verbaut werden. Und nun werden die Wohnungen dieser Roma geräumt. Die noch dort wohnenden Menschen werden vertrieben und allenfalls enteignet. Sie sollen sich jetzt eine andere Bleibe suchen.

Was erhalten sie als Entschädigung?

Nicht viel, umgerechnet vielleicht in paar Tausend Franken. Umzugshilfe heisst das offiziell. Eine Wohnung kaufen lässt sich damit natürlich nicht. Das reicht allenfalls für ein paar Monatsmieten an einem neuen Ort. Doch diese Roma will niemand. Also werden sich die meisten in irgendwelchen Hüttensiedlungen neue Unterkünfte suchen müssen.

Wie ist die Situation allgemein für die Roma in Mischkolc?

Mischkolc war zur Zeit des Sozialismus ein bekanntes Industriezentrum. Auch viele Roma fanden damals in den Kombinaten Arbeit. Deshalb ist der Anteil der Roma an der Bevölkerung hier gross. Nun gibt es für sie aber nichts mehr zu tun. Nordostungarn generell ist eine äusserst strukturschwache Region. Man hat noch keinen Ersatz für die Stahlindustrie gefunden. Und wenn es noch irgendwo Arbeit gibt, dann sicher nicht für die Roma. Die meisten sind schlecht ausgebildet und genügen den Ansprüchen der heutigen Arbeitswelt nicht mehr. So liegt die Arbeitslosenquote in der Romagemeinschaft bei 70, 80, vielleicht sogar bei 90 Prozent.

Wie überleben die Roma denn dort?

Die meisten leben von der Sozialhilfe. die ist zwar minimal. Vielleicht etwa 150 Franken pro Kopf. Für Kinder gibt es extra Geld. Deshalb sind viele Romafamilien so kinderreich. Manche arbeiten als Tagelöhner oder sammeln Alteisen ein. Die Frauen erhalten im Idealfall einen Job an der Supermarktkasse. Ein Regierungsprogramm sieht vor, dass Sozialgelder nur noch ausbezahlt werden, wenn etwas dafür geleistet wird. Das heisst, viele müssen nun irgendwelche gemeinnützigen Arbeiten verrichten: Strassen wischen, Parks säubern, um überhaupt Sozialleistungen zu bekommen. Die Idee mag nicht a priori schlecht sein. Aber das Problem dieser Programme ist, dass sie keine Weiterentwicklungen ermöglichen. Die Arbeitslosen erwerben keine zusätzlichen Qualifikationen, sie haben keine Perspektiven durch diese Programme und verharren in ihrer ausweglosen Situation. Die Armut wird so nur zementiert.

Der weissen Mehrheit in der Bevölkerung ist es sowieso nur ein Dorn im Auge, das die Roma nur von den Sozialgeldern leben. Das weckt trotz allem Neid und Missgunst und bringt politisch dann wieder den Rechtsextremen Zulauf. Diese hetzen dann wiederum gegen die Roma. Also es ist ein Teufelskreis.

Heisst das, die Roma werden von der ungarischen Regierung diskriminiert?

Sie werden im herrschenden politischen Klima tatsächlich nicht gut behandelt. Aber man muss sagen, es hat auch viele Versuche gegeben, sie zu integrieren. Doch die Roma lassen sich nicht gut integrieren. Sie sind gewiss nicht ganz unschuldig an ihrer Situation, das muss man auch sagen. Manche lassen sich gerne vom Sozialsystem aushalten. Ausserdem sind die Roma einfach nicht gut organisiert. Sie sind nicht gut erreichbar für die, die es eigentlich gut meinen mit ihnen. Sie sind in Clans aufgeteilt, jeder Clan schaut für sich. Eine Solidarität unter den Roma ist nicht auszumachen. Auch keine Aufbruchsstimmung, bei der man spüren würde, doch, da will jemand sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen und einen Weg finden aus dem Elend. Einzelnen Roma gelingt das. Sie studieren, machen Karriere oder können zumindest ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber die meisten verharren in ihrer misslichen Lage und lassen sich aushalten oder suchen ihr Glück allenfalls in der Ferne.

Die Roma in der Schweiz werden wahrscheinlich wieder zurückgeschickt. Hilft ihnen die Publizität?

Nein, in Ungarn ist das kein grosses Thema. Normalerweise ist es so, dass Roma eine Weile in ein westliches Land kommen und mit dem Geld, das sie hier erwirtschaften, dann wieder zurückkehren. Damit lässt sich eine Weile leben. Einige Wenige bauen sich auch etwas Neues auf. Auch in der Schweiz ist es so, dass es Roma gibt, die hier als Erntehelfer oder auf dem Bau arbeiten. Junge Frauen, die in der Prostitution tätig sind. Es gibt sicher auch Bettler. Und wo Landsleute sind, wirkt es sicher anziehend auf andere. Aber bei diesen Roma-Asylbewerbern in der Schweiz kann ich mir nicht vorstellen, dass sie auch nur eine minime Chance haben auf Asyl. Sie sind Bürger eines EU-Landes, nota bene noch aus dem Schengenraum. Politische Verfolgung werden sie trotz des gegenwärtigen politischen Klimas in Ungarn nicht geltend machen können.

Das Gespräch führte Peter Vögeli.