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Operieren in der Grauzone Was tun gegen Problemärzte?

Immer wieder geraten Ärzte in die Schlagzeilen, die unseriös mit den Patienten umgehen. Bei schweren fachlichen Fehlern ist ein Eingreifen einfacher, als wenn es sich um dubiose Praktiken wie unkorrekte Titel oder Rechnungen handelt. Patienten sind aufgerufen, ärztliche Verfehlungen zu melden.

Legende: Video «Problemärzte – Zu wenig Kontrolle in der Schweiz?» abspielen. Laufzeit 7:54 Minuten.
Aus Puls vom 24.04.2017.

In Ärztekreisen war sein Ruf schon seit Jahren ramponiert: Als der Übergewichtschirurg Ralf Senner 2010 aus Deutschland in die Schweiz übersiedelte, war er in der alten Heimat bereits in Prozesse verwickelt. In der Schweiz hatten sich zwei Spitäler von ihm getrennt, unter anderem weil er Patienten schlecht informiert und Rechnungen für Leistungen verlangt habe, die durch Krankenkassen gedeckt gewesen wären. Auch Nachbehandlungen soll er vernachlässigt haben.

Fachlich konnten ihm in der Schweiz bisher keine schweren Sorgfaltsverletzungen nachgewiesen werden. Dies wäre aber nötig, damit Ärztegesellschaften und Behörden aktiv auf Verfehlungen reagieren würden.

Vorwürfe bekannt

Bei der Schweizerischen Fachorganisation für die Behandlung von krankhaftem Übergewicht (SMOB) hat man von den Vorwürfen gewusst und Senner auch nicht in die Organisation aufgenommen. Im Gegenteil mahnte ihn die Fachgesellschaft unter anderem wegen falscher Titel ab.

Trotzdem führte der Chirurg jahrelang nicht nur seine Praxis, sondern wurde sogar in einem Zürcher Spital als Belegarzt verpflichtet.

Aufruf an Patienten

Warum die Fachorganisation nicht aktiver gegen den Chirurgen vorgegangen ist, erklärt Präsident Renward Hauser damit, dass man alles nur gerüchteweise mitbekommen habe. Betroffene Patienten, die sich bei der Gesellschaft wegen Ungereimtheiten meldeten, hätten sich jeweils zurückgezogen, sobald es darum ging, eine offizielle Aussage zu machen. Ohne konkrete Beweise und Zeugen lasse sich aber nichts unternehmen, ohne eine Anzeige wegen übler Nachrede zu riskieren.

Erst als ein «Tages-Anzeiger»-Journalist zu recherchieren begann und unangenehme Fragen stellte, leitete die SMOB ihre Information an die zuständige Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich weiter.

Dort will man bis dahin von den Verfehlungen des Chirurgen nichts gewusst haben. Auch Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger verweist darauf, dass dem Kanton ohne konkrete Informationen die Hände gebunden seien. Er ruft Patienten, Patientenorganisationen und Fachorganisationen deshalb eindringlich auf, ärztliche Verfehlungen rechtzeitig beim Kanton zu melden: «Nur dann sind wir in der Lage den Vorwürfen nachzugehen und gegebenenfalls einzuschreiten.»

Ziel: vereinfachter Informationsfluss

Immerhin strebt man jetzt Verbesserungen im Informationsfluss an: Der Kantonsarzt und eine Patientenorganisation erörtern Möglichkeiten, wie Informationen von den Patienten schneller und niederschwelliger zum Kanton gelangen können. So dass der Kanton als zuständiges Kontrollorgan schneller über ein konkretes Vorgehen gegen fehlbare Ärzte entscheiden könnte – bis hin zum Entzug der Zulassung.

Aus Patientensicht wäre eine zentrale, gesamtschweizerische Meldestelle wünschenswert. Auf nationaler Ebene finden diesbezüglich aber noch nicht einmal Gespräche statt.

7 Kommentare

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  • Kommentar von John Johnson (Kelten)
    Meine Erfahrung ist: Erfolgreiche Massnahmen gegen ärztliche Verfehlungen war/ist nur möglich, weil ich das grosse Glück hatte, dass sich mehrere andere unabhängige Ärzte für mich eingesetzt hatten und den Nachweis für die ärztliche Verfehlungen des beschuldigten Arztes erbrachten. Enttäuschend: Ich erhielt absolut keine Unterstützung durch die Krankenkasse; mit der lapidaren Begründung: „Es sei nicht die Aufgabe der Krankenkasse den Patienten gegen das Fehlverhalten von Ärzten zu unterstützen".
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Ich denke, darin steckt ein wesentliches Element, weshalb Patienten sich nicht für die Verfolgung von fehlbaren Aerzten zur Verfügung stellen. Als Behandelte fehlen ihnen die Beweise, die sie nach meist unangenehmen Behandlungen nur durch weitere Behandlungen bei anderen Aerzten einholen können. Aerzte, die dies tun, setzen sich dann selber der Kontrolle aus. Es braucht also eine Summe von starken Persönlichkeiten mit der Bereitschaft, auch zu scheitern. Das wissen auch die Scharlatane.
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    2. Antwort von John Johnson (Kelten)
      @Dudle. So ist es leider: Erst bei der gerichtlichen Vorladung bekam der fehlbare Arzt dann "heisse Füsse", und setzte alles daran seine Verfehlungen aussergerichtlich und zufriedenstellend mit den Beteiligten zu lösen. Wohlwissend, dass unsere vorliegende Beweise, mit entsprechenden Gerichtsurteil, für den fehlbaren Arzt fatale Folgen hätte haben können. Ironie der Geschichte: Die "untätige" Krankenkasse bedankte sich dann bei mir vielmals für mein "Durchsetzungsvermögen".
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  • Kommentar von Fabienne Soguel (Triggerin)
    Es gibt durchaus Dinge aus meinem Kontakt mit Ärzten die ich gerne wo melden würde. Aber eben, wo kann ich das tun und die Meldung auch eine Konsequenz hat? Ich finde es als Patient sehr schwierig mich im diesbezüglichen Info-Dschungel zurechtzufinden. Eine zentrale Meldestelle wäre mehr als angebracht.
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  • Kommentar von Hermann Dettwiler (Alapeller)
    Natürlich - die Patienten sollen gegen Problemärzte vorgehen, damit die Ärztegesellschaft ihre Hände nicht schmutzig machen müssen. Die Ärzte wissen genau, welchen Kollegen eigentlich die Zulassung entzogen werden müsste. Unser Gesundheitswesen liegt auf der Notfallstation, aber die Ärzte suchen nicht Problemlösungen, sondern nur das Geld dafür.
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    1. Antwort von Cedric Schafroth (Dr. phil. hist.)
      Nur ein kurzer Denkanstoss: Wenn ich weiss, dass mein Nachbar dubiose Geschäfte macht, ich aber dafür keine Beweise habe, kann ich damit zwar zur Polizei gehen. Diese kann dann aber leider nichts tun, da die Beweise fehlen. Ähnlich verhält es sich bei den Ärzten... ich denke die Ärzte haben nicht die Zeit um ihren Berufskollegen soweit nachzugehen und Beweise zu finden, denn sie haben einen Job zu tun, nämlich Menschen mit gesundheitlichen Problemen zu helfen...
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    2. Antwort von Verena Bensaddik (V. Bensaddik)
      Ohne "Beweise" kann auch die Ärztegesellschaft nichts ausrichten. Ich kann wirklich nur die Patienten ermutigen, aktiv zu werden. Allerdings stelle ich fest, dass dies die wenigsten tun. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es relativ viel Biss braucht, z B sich gegen ganz offensichtlich falsche Rechnungen zu wehren. Manche Patienten lassen dich dadurch vielleicht entmutigen. Aber das sollten sie nicht. Anständige Ärzte sind ihnen nämlich dankbar...
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