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Schweiz Weibliche Beschneidung – auch in der Schweiz ein Thema

Weibliche Beschneidung ist eine Tatsache – auch in der Schweiz. Seit 2012 stellt ein neues Gesetz diese Tat zwar explizit unter Strafe. Doch ist es kein Garant, Beschneidungen zu verhindern. Gemäss Experten sind sowohl Aufklärung als auch Sensibilisierung der Ärzte und Ärztinnen wichtiger.

Afrikanerin mit Appenzeller Buben in Tracht
Legende: Waris Dirie – Vorkämpferin gegen weibliche Beschneidung – anlässlich eines Kongresses im September 2007 in St. Gallen. Keystone

In der Schweiz leben gemäss Schätzungen 13‘000 Frauen und Mädchen, die von einer Beschneidung betroffen oder bedroht sind. «Das sind Schätzungen, harte Fakten gibt es nicht», führt Marisa Birri von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes Schweiz aus. «Die Zahl basiert auf der Anzahl von Mädchen und Frauen aus den betroffenen Ländern und der Vorkommensrate von FGM in diesen Ländern.» FGM steht für Female Genital Mutilation, ein in Fachkreisen gängiger Begriff.

Die Frauenklinik vom Berner Inselspital hat für solche Fälle bereits eine eigene Sprechstunde eingerichtet. Auf Nachfrage von «SRF News Online» suchen dort jährlich 30 bis 40 Frauen mit gynäkologischen Beschwerden Hilfe, in der Geburtshilfe sind es nochmals rund 30 Frauen.

2008: Erster Prozess in der Schweiz

Betroffene Mädchen und Frauen stammen mehrheitlich aus afrikanischen Ländern. Oftmals sind sie bereits beschnitten, wenn sie in die Schweiz kommen. Im Falle einer Beschneidung in der Schweiz hat das Gesetz vorgesorgt: FGM gilt in der Schweiz als schwere Körperverletzung und fällt damit unter das Strafgesetz.

2008 kam es wegen weiblicher Beschneidung zum ersten Schweizer Prozess überhaupt: Somalische Eltern hatten ihre zweijährige Tochter in der Schweiz von einem somalischen Landsmann, der sich auf der Durchreise befand, beschneiden lassen. Die Eltern erhielten damals zwei Jahre bedingt.

Fraglicher Nutzen des neuen Gesetzes

Trotz Strafgesetz: Die Tatsache, dass Mädchen in der Schweiz dafür ins Ausland gebracht werden, bestand weiterhin. Um diese Lücke zu schliessen, hat der Bundesrat per 1. Juli 2012 ein neues Gesetz veranlasst, das den Tatbestand FGM explizit formuliert.

Seit der Einführung des neuen Gesetzes ist es bis jetzt zu keiner weiteren Strafuntersuchung gekommen. Nicht zuletzt weil das Delikt im Verborgenen stattfindet und die Hürden einer Anzeige sehr hoch sind.

Neu können Eingriffe bestraft werden, die auch im Ausland vorgenommen wurden. Strafbar ist auch eine sogenannte Reinfibulation, wie dies aktuell ein Gericht in London behandelt. Unicef Schweiz erwähnt in einem Bericht von 2012, dass Reinfibualtionen auf Wunsch der Frauen auch in der Schweiz vorgenommen wurden.

Aussenaufnahme Inselspital und Frauenklinik Bern
Legende: Die Frauenklinik am Berner Inselspital bietet spezielle Sprechstunden für Frauen an, die beschnitten worden sind. Keystone

Solche Anfragen kennt auch Annette Kuhn, Leiterin des Zentrums für Urogynäkologie am Berner Inselspital: «Die Frauen kennen nichts anderes, für sie ist das normal. Wir beraten sie. Auf keinen Fall unterstützen wir eine Wiederzunähung, wenn die Gesundheit der Frau gefährdet ist. Die Geburtsverletzung und Beschneidung im Rahmen der Wunderverletzung versorgen wir natürlich.»

Kulturelle Graben überwinden

Kein Zweifel, das neue Gesetz ist wichtig und hat geholfen, die nationale und kantonale Präventionsarbeit ins Rollen zu bringen. Ganz verhindern kann es FGM nicht. Deshalb ist für Marisa Birri von Terres des Femmes Schweiz mehr Prävention und Aufklärung sehr wichtig: «Prävention hat am Ende auch auf viel mit Integration sowie der Gleichstellung der Frauen zu tun.»

Es gilt, die betroffene Gemeinschaft – im konkreten Fall die Familie zu überzeugen. Ihr Verhalten zu ändern. Die weibliche Beschneidung ist in den Herkunftsländern Teil einer kulturellen Norm. Entziehen sich die Frauen diesem, drohen ihnen Stigmatisierung und Ausgrenzung. Nur mit Überzeugungsarbeit an der Front, davon ist Birri überzeugt, lässt sich eine Besserung erreichen.

Erster Prozess in England

Sie leiden stumm und scheuen die Öffentlichkeit. Mädchen und Frauen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft beschnitten sind. In Grossbritannien ist zum ersten Mal Anklage gegen einen Arzt und ein Helfer erhoben worden. Lesen sie mehr hier.

23 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Kramer, ZH
    Im Artikel wird der Straftatbestand der Körperverletzung bereits ansatzweise relativiert; man spricht wie immer, wenn es um die misslungene Integration in UNSERE angestammte Kultur geht, von Grauzonen, Schwierigkeiten in der Kontrolle und Umsetzung und stellt dafür einen Haufen Geld und Beamte ab. Wozu gibt es die Schulärztliche Untersuchung? - Dort kommen solche Sachen gnadenlos zum Vorschein. Aber nein, man will Multikulti und kulturelle Unversehrtheit für Flüchtlinge, auf kosten der Mädchen.
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  • Kommentar von Marlene Zelger, 6370 Stans
    Diesem grauenhaften, schmerzhaften und zudem verfassungswidrigen Ritual sollte grundsätzlich der Kampf angesagt werden. Wieso soll es hierzulande nicht möglich sein, Beschneidungen zu verhindern? Schutz vor Bescheidung ist zudem auch ein Menschenrecht. Wir dulden hierzulande nur Schweizerische Gesetze. Und diesen haben sich die Migranten, egal welcher Religion sie angehören, zu unterordnen, Punkt!
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  • Kommentar von M.Kaiser, Rebstein
    Beschneidung von Mädchen und Frauen muss in unserem Land als schwere Körperverletzung rechtlich eingestuft werden, mit mindestens 10 Jahre Haft und einer Entschädigung von mindest Fr. 100 000.- wir leben doch nicht mehr im Mittelalter .
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