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Schweiz Weil Ärzte mehr Akten lesen, steigen die Prämien

Mehr Ärzte stellen Rechnung, auch wenn Patienten nicht bei ihnen waren: Dossiers studieren schenkt ein – und zwar in Millionenhöhe. Mit ein Grund, warum 2016 die Krankenkassenprämien deutlich steigen. Was läuft hier falsch?

So richtig überrascht ist eigentlich niemand, wenn der Krankenkassenverband Santésuisse auch für nächstes Jahr Prämienerhöhungen von drei bis vier Prozent ankündigt. Diesmal gibt es aber immerhin eine originelle Begründung:

Arzt am Aktenschrank.
Legende: Die Kosten fürs Dossier-Studium sind stark gestiegen. Sind Fehlanreize im Tarifsystem der Grund? Keystone/Archiv

Ärzte – insbesondere Urologen, Orthopäden und Radiologen – verrechnen immer häufiger «Konsultationen in Abwesenheit des Patienten». Das heisst: Sie studieren immer länger Akten. Und dafür haben sie in den letzten beiden Jahren 140 Millionen Franken mehr aufgeschrieben.

FMH weiss von nichts

Selbst die Ärztegesellschaft reagiert auf diese Zahlen mit Erstaunen: «Wir können die Steigerung auf dieser einen Tarifposition bei diesen drei genannten Disziplinen nicht nachvollziehen und nicht bestätigen», sagt Präsident Jürg Schlup. Und auch bei den Fachgesellschaften weiss man nicht mehr. Die Urologen etwa haben nach eigenen Angaben nicht festgestellt, dass das Aktenstudium länger dauert.

Anders tönt es beim Bundesamt für Gesundheit: «Wir können bestätigen, dass die ambulanten Leistungen gewisser Spezialisten in den letzten Jahren sehr stark gestiegen sind, sowohl in der Praxis wie auch im Spital», sagt BAG-Vizedirektor Oliver Peters.

Mehr Koordinationsarbeit?

Die detaillierten Zahlen der Krankenkassen kommen zwar auch Peters sehr hoch vor, und er will sie so nicht bestätigen. Unbestritten sei hingegen, dass Ärzte die Position «Konsultationen in Abwesenheit des Patienten» in letzter Zeit deutlich häufiger verrechnet hätten.

Zum Teil zu Recht, denn Mediziner müssten sich heute stärker mit Kollegen absprechen als früher, erklärt Peters: Es gebe also einen gewissen Hintergrund, wo eine Zunahme von Koordinationstätigkeiten und auch von Aktenstudium in Abwesenheit bestehe.

Es könnte sein, dass einzelne Spezialisten oder auch andere Ärzte diese Leistungen systematisch aufschreiben.
Autor: Oliver PetersVizedirektor im Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass einige Ärzte ein bisschen schummeln beim Abrechnen. Dass so etwas überhaupt möglich ist, liegt an den Fehlanreizen bei den Ärztetarifen. Im Moment verhandeln Krankenkassen, Ärzte und Spitäler über ein neues Tarifsystem, das solche Fehlanreize eliminieren soll.

Bisher konnten sich die Parteien nicht einigen. Geschieht bis 2016 nichts, will der Bund direkt eingreifen. In der Zwischenzeit erwartet BAG-Vizedirektor Peters, dass die Krankenversicherungen den Ärzten genauer auf die Finger schauen. Auf Anfrage sagen die Kassen, das hätten sie ohnehin vor.

20 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Schenker, Bern
    Und ich dachte immer, die in allen Branchen immer mehr überbordenden Aktenberge seien tatsächlich zum Studieren da. Sind die Ärzte etwa gar die ehrlichsten und konsequentesten? Merkt hier eigentlich jemand in der Arbeitswelt, dass wir alle diese Berge zwar laufen produzieren, aber sie niemand sichten/auswerten kann? Gibt es jemand, der endlich generell „Halt“ ruft oder geht diese Sinnlosigkeit in alle Ewigkeit so weiter? Solche Zustände des Daten-Schrotts hatten wir z.B. vor 20 Jahren so nicht.
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  • Kommentar von Hans Gmür, Herrliberg
    Das bedeutet dann, früher wurde gar nicht richtig gelesen. Jetzt verstehe ich auch erst, warum es immer zu diesen Operationsfehlern kommen konnte.
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  • Kommentar von Ch. Gerber, Basel
    Da fällt mir nur eines ein: Betrug! Es kann nicht sein, dass wir schon wieder mehr Zahlen müssen wenn teils sogar die Leistungen gekürtz oder wegfallen. Was soll das bitte?
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    1. Antwort von Martin Bösch, Beringen
      Verrechnet wird nicht nur das Aktenstudium sondern alle Arbeit, die mit dem Fall in Zusammenhang steht, aber nicht in Beisein des Patienten erfolgt. Also: Zettel ausfüllen, Formular ausfüllen, Rezept ausfüllen, Verordnung unterschreiben > vor allem im Pflegebereich haben die Krankenkassen den Administrativaufwand in den letzten Jahren massiv erhöht, was Kosten treibt. Jede Veränderung der Medikamente, jede Tätigkeit der Pflege muss schriftlich verordnet sein: Zettel ausfüllen....
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