Weniger Unfälle im Gotthardtunnel – aber wie?

Eine zweite Röhre soll die Fahrt durch den Gotthard sicherer machen, sagen die Befürworter eines zweiten Strassentunnels. Dann würden die Fahrzeuge nicht mehr im Gegenverkehr durch den Berg fahren. Das sei gar nicht nötig, kontert der VCS – und will die Sicherheit auf anderem Weg erhöhen.

Ein PWK kreuzt einen LKW im Gotthardtunnel.

Bildlegende: Der VCS will den Gotthard sicherer machen; etwa mit versenkbaren Leitplanken oder Temporeduktionen. Keystone

Der Verkehrsclub VCS steht oft etwas auf der Bremse, wenn es ums Auto geht. Der Touring Club TCS hingegen gibt gern Gas. Nun geht der VCS in die Offensive.

Dessen Präsidentin, SP-Nationalrätin Evi Allemann, erklärt die Idee einer zwischen den entgegengesetzten Fahrspuren versenkbaren Leitplanke. «Die würde verhindern, dass es Kollisionen gibt, dass die Autos auf die andere Spur abdriften. In Notfallsituationen könnte man sie trotzdem versenken.»

Keine gute Idee, findet Olivier Caspar, Verkehrsingenieur beim TCS, denn damit «wären die Spuren noch schmäler als heute», sagt er. «Und bei einem Unfall, wenn sich diese verbiegt oder sonst etwas passiert, wird die Rettungsarbeit verhindert.» Das Modell einer Mittelleitplanke wurde in der Praxis noch nicht erprobt.

Weniger Unfälle dank Assistenzsystemen

Sofort umsetzbar wäre eine Temporeduktion von 80 auf 60 Kilometer pro Stunde – der zweite Vorschlag des VCS. Die Gegner warnen: Langsamer zu fahren, bedeute, länger im Tunnel zu sein, aber nicht weniger Unfallgefahr.

Doch der VCS will nicht nur bremsen. Darum präsentierten gleich zwei seiner Experten, was die Autos der Zukunft können. Wenn der Computer den Menschen beim Fahren unterstützt, werden Unfälle seltener, sagt ETH-Forscher Markus Muser: «Da sehen wir ein beträchtliches Potenzial, zum Beispiel, um bei Stau Auffahr- oder auch Spurwechselunfälle zu verhindern.»

Bis 2030, wenn die zweite Röhre gebaut wäre, sollte die Technik so weit sein, dass Unfälle im Gegenverkehr-Tunnel praktisch verhindert werden könnten. Unsinn, entgegnet SVP-Verkehrspolitiker Ulrich Giezendanner: «Wenn Sie mit einem Assistenzsystem vorne links einen Pneuplatzer haben, dann schert Ihr Auto aus.» Biomechaniker Muser widerspricht: «Das kann ein System heute schon verhindern, und wird es in Zukunft noch besser können.»

Temperatur-Mess-System unbestritten

Bloss einer der Vorschläge des VCS kommt bei allen an: Ein Temperatur-Mess-System auch auf der Nordseite des Gotthards. Überhitzte Fahrzeuge könnten so vor der Tunnel-Einfahrt abgefangen werden. Auf der Südseite gibt es bereits ein solches Thermoportal.

Caspar vom TCS sagt zur Sicherheit am Gotthard: «Langfristig gibt es keine andere Lösung, als mit dieser zweiten Röhre den Verkehr zu führen.» Der VCS will aber keine zweite Röhre. Präsidentin Allemann sagt, man habe gezeigt, «dass wir Mehrheiten und Allianzen schmieden können, und dass es uns ernst ist, Verkehrslösungen zu finden, die für die Zukunft tauglich sind».

In unmittelbarer Zukunft – im nächsten Jahr – entscheidet das Volk über eine zweite Röhre, und damit darüber, wie am Gotthard weitergefahren wird.