Wenn das Wintersport-Vergnügen im Spital endet

Ein unbedarfter Schwenk zum heranbrausenden Alpinisten, ein allzu beherzter Sprung in die Tiefe des Hangs – aus Schneesport kann schnell ein persönlicher Albtraum werden. Eine Auswertung der Unfallversicherer zeigt, welche Gefahren auf den (zu) perfekt präparierten Berghängen warten.

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Mehr Knochenbrüche bei Wintersportunfällen

4:21 min, aus 10vor10 vom 2.1.2015

«Ich habe eine Querrinne auf der Piste übersehen. Es hat mich mit den Skiern in die Luft geschleudert. Dann landete ich auf der Hüfte und brach mir das Becken.» Was sich anhört wie Hermann Maiers spektakulärer Abflug bei der Olympia-Abfahrt von Nagano, ist tatsächlich schmerzhafte Realität unter Amateur-Wintersportlern.

Jährlich verunfallen 65‘000 Schweizer auf den Skipisten im In- und Ausland – doch ist es nicht die blosse Zahl, die der Suva am meisten Sorgen bereitet. Vielmehr ist es die Schwere der Verletzungen.

Top präparierte Pisten – folgenschwere Stürze

So hat die Zahl der Frakturen nach Stürzen in den letzten zehn Jahren markant zugenommen. Damals endeten noch 17 Prozent der Schneesportunfälle mit einem Knochenbruch, heute sind es 22 Prozent. Ansteigend ist auch die Zahl der Unfälle mit mehreren Frakturen. «Wir führen diese Entwicklung einerseits auf die zu hohen Geschwindigkeiten zurück, andererseits auf die mit viel Kunstschnee präparierten, harten Pisten», sagt Samuli Aegerter, Schneesportexperte der Suva, in der Sendung «10vor10».

«  Wer seine Fahrweise dem eigenen Können nicht anpasst, riskiert viel und nimmt damit einen Unfall in Kauf. »

Samuli Aegerter
Schneesportexperte der Suva

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Suva-Schneesportexperte Aegerter zur Problematik

0:14 min, vom 2.1.2015

Die so logische wie schmerzhafte Folge: «Wenn man bei hohem Tempo auf harte Gegenstände prallt, lassen die Knochen irgendwann nach.» Schmerzlich ist dies nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Unfallversicherer. Seit der Jahrtausendwende sind die Folgekosten von Wintersport-Verletzungen um fast 40 Prozent gestiegen; auch wegen der Zunahme der Frakturen, deren mittlere Behandlungskosten mit 14‘000 Franken ungleich höher ausfallen als bei der «Durchschnittsverletzung» (6000 Franken).

Die Balance zwischen Können und Herausforderung

Die steigende Gefahr beim alpinen Freizeitvergnügen ist jedoch nicht nur der modernen Pistenpräparation geschuldet. «Wer seine Fahrweise beim Skifahren oder Snowboarden dem eigenen Können nicht anpasst, riskiert viel und nimmt damit einen Unfall in Kauf», erklärt Aegerter. Das Missverhältnis zwischen Herausforderung und Können steht denn auch am Anfang vieler vorzeitig beendeter Ausflüge in die Berge.

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Titlis-Sicherheitschef Bissig zur steigenden Unfallgefahr

0:25 min, vom 2.1.2015

Christoph Bissig, Sicherheitschef in Titlis (OW), hätte eine Lösung für die steigende Unfallgefahr im Schweizer Wintersport: «Wir müssten wieder ‹Back to the roots›, mit Buckeln in der Piste.» Diese natürlichen «Bremsklötze» würden insbesondere die Problematik des zu schnellen Fahrens entschärfen. Doch auch Bissig weiss, dass seine Idee auf wenig Gegenliebe bei den Wintersportlern stossen würde: «Die Leute verlangen natürlich eine breite und flache Piste, damit sie mit den Carving-Skis mit möglichst wenig Widerstand fahren können.»

Mit realistischeren Lösungsansätzen will die Suva der steigenden Unfallgefahr Einhalt gebieten: Mit Events und Plakaten in Skigebieten sollen die Risiken im Schneesport sichtbar gemacht werden. Auf dass Pistenwahl und Fahrweise künftig stärker dem Fahrvermögen angepasst werden – und der Skitag nicht im Spital im Tal, sondern beim Fondue in der Berghütte ausklingt.