Gewalt am Schalter Wenn der Kunde durchdreht

Der Fall Schaffhausen wirft ein Schlaglicht auf Gewalt gegen Behörden und Institutionen.

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Gewalt am Schalter – kann man sich wappnen?

3:21 min, aus 10vor10 vom 24.7.2017

Ein mehrfach vorbestrafter Mann stürmt in die Büros einer Krankenkasse und verletzt fünf Personen – bewaffnet mit einer Motorsäge. Die brutale Attacke in Schaffhausen verstört, und offenbar erfolgte sie gezielt: «Unseren Erkenntnissen zufolge handelt es sich um eine gegen die CSS gerichtete Tat», sagte die Polizei am Montag.

Laut der CSS mit Hauptsitz in Luzern war der Angreifer ein Kunde der Kasse. «Einen solchen Vorfall gab es bei uns noch nie. Wir sind schockiert», so Sprecherin Christina Wettstein. Doch kann man sich auf ein derartiges Szenario überhaupt vorbereiten?

Die CSS verfüge über ein Sicherheitsdispositiv, die Mitarbeiter seien geschult, sagt Wettstein: «Es handelt sich natürlich um einen Einzelfall. Aber wir werden uns überlegen, ob wir künftig weitere Massnahmen ergreifen wollen.»

«  Gekränkte Personen (…) können sich gegenüber Institutionen ohnmächtig fühlen. »

Monika Egli-Alge
Rechtspsychologin

Es ist der erste derartige Angriff auf eine Krankenkasse. Allerdings gab es bereits schwere Angriffe auf soziale Institutionen. Im luzernischen Escholzmatt erschoss 2004 ein Landwirt vier Menschen, darunter den Sozialvorsteher. Im August 2011 erschoss in Pfäffikon ein 59-Jähriger die Leiterin des Sozialamts – auf offener Strasse.

Rechtspsychologin Monika Egli-Alge sagt, Behörden und Institutionen setzten objektive Regeln, die man als Bürger befolgen müsse. Doch manche fühlten sich davon subjektiv schlecht behandelt: «Man hat ein Gegenüber, das einem mächtig erscheint. Bei einer gekränkten Person kann hier ein Ungleichgewicht entstehen: Sie fühlt sich gegenüber der Institution ohnmächtig.»

Der Angriff in Schaffhausen auf eine Krankenkasse ist eine tragische Premiere. Doch eine Umfrage von SRF News und der Krankenkassen zeigt: Drohungen sind sich deren Mitarbeiter gewohnt.

So schreibt die Swica:

«  Drohungen kommen regelmässig vor. Es reicht von (…) Aussagen wie: ‹Ich weiss, wie sie aussehen und wo sie und ihre Familie wohnen› bis hin zu ‹Ich habe Erfahrung im Umgang mit Waffen und werde bei Ihnen vorbeikommen›. Es gibt vereinzelt auch Bombendrohungen. »

Auch Sandra Kobelt vom Krankenkassen-Verband Santésuisse bestätigt: «Drohungen, Beschimpfungen und aggressive Handlungen kommen häufig vor. Es geht immer um Geld, und darum, dass ein Kunde meint, er werde ungerecht behandelt. Er meint, er habe etwas gut, was ihm aber nicht zusteht.»

Die Sicherheitsvorkehrungen bei den Kassen seien deshalb hoch. Aber: «Nach dem, was gestern passiert ist, müssen wir das Thema Sicherheit noch einmal anschauen.»